von Jörg Streese

Der Graswarder - Von der Verletzlichkeit von Ökosystemen

Der Graswarder - Von der Verletzlichkeit von Ökosystemen

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Published on Juni 19th, 2010 @ 22:16:49 , using 605 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Der Graswarder - Von der Verletzlichkeit von Ökosystemen

 

Der Graswarder ist eine von den Wellen und dem West-Wind ähnlich wie die ostfriesischen Inseln durch Verdriftung der Sandmassen entstandene  Nehrung, die in den letzten 1500 Jahren entstanden ist und sich immer weiter nach Osten verändert. Sie besteht im wesentlichen aus Salzwiesen und flachen Salzwasserzonen und ist deshalb für viele Vogelarten ein lebenswichtiges Revier, weil diese flachen Wasserzonen für ihre Nahrungssuche notwendig sind: Schwäne, Säbelschnäbler, Graugans, Kiebitz, Sandregenpfeifer, Austernfischer, viele Entenarten - mehr kenne ich nicht aus dem Kopf.

Der Graswarder wird vom NABU betreut und hier war ich auch auf einer Führung durch dieses Gebiet,die von zwei netten Menschen gemacht wurde, die hier ihre Ferien freiwillig und ehrenamtlich und sehr kompetent machen. Hier existiert eine Sturmmövenkolonie mit ca. 300 Gelegen und einem Gekreische und Geschreie wie auf Helgoland am Mövenfelsen.

Einige Küstenseeschwalben waren da. Diese Tiere bringen es fertig und fliegen jedes Jahr zweimal eine Strecke von bis zu 18.000 km, um zu ihren traditionellen Gebieten zu kommen, in Afrika, Südamerika und in den nördlichen Gebieten.

Jetzt in der Brutzeit ist dieses Brut-Gebiet natürlich sehr sensibel.

Da manche Vogelarten inzwischen im Bestand dezimiert sind, ist es wichtig, ihnen hier eine erfolgreiche Brut zu verschaffen. Dazu gehört auch, sie nicht nur vor Menschen zu schützen, sondern auch vor dem Fuchs, der liebend gerne Nester räubert und allein schon durch seine Anwesenheit die Brutzeit verstört.

Aber vor den beutegierigen Silbermöven kann man sie nicht schützen. Und als wir gerade mit den Feldstechern einige kleine, frisch geschlüpfte Säbelschnäblerküken beobachteten, schoss plötzlich von oben eine dicke Silbermöve herab, schnappte sich eines dieser kleinen Daunenbällchen und flog davon, natürlich von einem erregten Säbelschnäbler verfolgt, aber was soll dieser kleine Vogel gegen eine 1 Kg schwere Silbermöve schon anrichten. Die flog dann auch an die Uferzone, immer noch das Küken im Schnabel und würgte es dann, so wie es war herunter - und uns blieb nichts anderes übrig, als mit geballten Fäusten dem Ganzen zuzuschauen.

Ein Brutrevier wird von den Tieren dann angenommen, wenn sie in ihm mehrfach eine erfolgreiche Brut zeitigen  können. Also auch hier haben wir es mit einem Belohnungssystem zu tun (Blog vom 13.06.). Und solch eine erfolgreiche Brut ist von unendlich vielen Faktoren abhängig: Geschützt vor Eingriffen des Menschen muss es sein, vor Fressfeinden geschützt muss es sein, die Nahrungsstellen müssen da sein, das Wetter, die Temperatur muss stimmen: in diesem Jahr ist es viel zu kalt für die Aufzucht von der Brut, denn wir haben schon Juni und immer noch Temperaturen nachts um 4 Grad, und und und.

Der Leiter der Station kam noch am Schluss und erzählte, dass am Ostende der Nehrung der gestrige Sturm den Sand zu wahren Sandgeschossen gemacht hat und die Brut der dort beheimateten Zwergseeschwalben förmlich durchlöchert hat.

Und der letzte Winter, der wie wir ja alle wissen, unendlich lang war, hat vielen Vögeln das Leben gekostet: verhungert sind sie, weil sie an ihre Nahrungsstellen im Flachwasser nicht kommen konnten, weil sie noch vereist waren, bzw die Böden waren noch vom Frost nicht aufzubekommen.

Man sieht, wie anfällig doch so ein kleines Ökosystem ist.

Und der Mensch, als er noch in der Anfangsphase seiner Entwicklung war, hat auch mehrere solcher Phasen durchgemacht, in denen seine Population weltweit auf vielleicht 1000 Exemplare reduziert war und es nur der Zufall war, dass er bei dieser Zahl überlebt hat, denn nur eine einzige Krankheit hätte auf einen Schlag diese Entwicklungslinie der Evolution ausgelöscht - denn danals war eine Horden-Zahl von mindestens 20 Exemplaren überlebensnotwendig.

Aber die Graugans Emma kommt seit 24 Jahren zu diesem Brutplatz - und meldet sich in der NABU-Station mit dem Klopfen des Schnabels an der Scheibe des Gebäudes an: "Ik bün all dor".

Abends Seelachs von der Fischreigenossenschaft

 

 

 

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