von Jörg Streese

Törnbericht: Aufbruch nach Klaipeda - die Dinge des Himmels und der See nehmen, wie sie sind

Törnbericht: Aufbruch nach Klaipeda - die Dinge des Himmels und der See nehmen, wie sie sind

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Published on Juli 10th, 2011 @ 16:20:46 , using 1532 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Törnbericht: Aufbruch nach Klaipeda - die Dinge des Himmels und der See nehmen, wie sie sind
Törnbericht: Aufbruch nach Klaipeda - die Dinge des Himmels und der See nehmen, wie sie sind

 

Aufbruch nach Klaipeda – die Dinge des Himmels und der See nehmen, 
wie sie sind


Dieser Törn wird einer der längsten - 115 Seemeilen - ich rechne mit
ca. 30 Stunden.

Morgens um 05:00 Uhr empfängt mich ein romantischer Himmel: hinter
dunklen Wolken versteckt, beschien die aufgehende Sonne weiter weg
in zarten Pastellfarben zerfasernde Wolkenberge und es sah ein bischen
 nach Regen aus. Aber der Wind kam mit der vorausgesagten, allerdings
hier schon seit Freitag wehenden Südostrichtung - entgegen den
Seewettervorhersagen.


Die Nacht war nicht sehr lang – 4 Stunden, denn hier im Hafen war
einiges los. Erstens es war Samstag und viele polnische Yachten kamen
her, die nun alle in den Cockpitts saßen und auf vielen Schiffen wird
gesungen und gefeiert. Zweitens es war eine wunderbar warme Nacht,
die man einfach nicht schlafend verbringen kann – zumindest nicht in
dieser Atmosphäre. Und drittens war ich kein bischen Müde.
Also morgens um 5 sofort los, denn der Wetterbericht hatte diese
Windrichtung mit 3 Beaufort angegeben mit einer rechtdrehenden Tendenz
über Süd nach SW. Denn seit Tagen hielt mich hier ein aus Nord oder
Nordost kommender Wind fest, weil das die Richtung ist, in die ich
segeln muss. Nun endlich der Süd.
Draussen vor dem Hafen traf ich auf eine ausgesprochen kabbelige See,
die ich mir nur durch eine Wasserströmung aus der Danziger Bucht
erklären kann, die hier am Kap Hel auf eine entlang der Hel-Halbinsel
langlaufenden nordwestlichen Strömung trifft – denn diese Seen, die
sich hier völlig unstrukturiert auftaten und MISS SOPHIE kräftig
durchschüttelten, können für mich keine Erklärung in dem
vorherschenden Wind haben.
Aber mit Groß und Genua boxte sich mein Schiff recht tapfer durch
diese Wellenberge und als ich um 07:00 den Großschiffahrtsweg querte,
hatten mich auch die normalen weichen Wellen der Ostsee erreicht und
ich ging meinen Weg mit 5 – 6 kn.
Um 08:00 Uhr wurde der Wind weniger und ich lief nur noch 2-3 kn. Um 09:00 Uhr konnte ich schon wieder 5-6 kn laufen. Um 10:00 ging der Wind auf NW ( Hääääää?????) mit 1-2 Beaufort und
ich musste James zu Hilfe nehmen.
10:30 Wolkenbruch – es schüttet aus dem Himmel, zentimeter große
Wassertropfen
Um 11:00 konnte ich wieder mit 4 kn segeln gegen einen Wind aus E,
also ganz spitz gegenan (angesagt waren SE bis SW)
Um 12:00 kommt der Wind aus NE, meine Kurslinie, also wieder James. Ich werde etwas müde und übergebe die Steuerung an Admiral von Schneider und
hole mein Saxophon raus und spiele eine halbe Stunde – danach bin ich wieder
fitt.
Um 15:30 laufe ich mit der Genua vor einem Wind aus WNW 2. Um 16:00 setze ich das Groß dazu, weil der Wind jetzt aus NW kommt,
mit 2-3 Beaufort und ich laufe 3-5 kn.
Um 19:00 schläft der Wind ein und ich starte James. Um 19:30 habe ich die zwei in meiner Seekarte (United Kingdom
Admiralety Hydrographic Office von 2002) eingezeichneten
unbeleuchteten Tonnen virtuell querab, denn sie lagen direkt auf
meinem Kurs und da ich damit rechnen musste, sie nachts zu passieren
(je nach dem wie stark der Wind vorherrschen würde), hatte ich sie in
meinen Kartenplotter eingegeben, um sie sicher zu umfahren. Aber ich
konnte wieder Segel setzen und mit 4-6 kn vorwärts kommen.
Um 21:00 Flaute. Segel runter. Ich gönne mir auf der einfach
treibenden MISS SOPHIE nach 16 Stunden eine 15 minütige Pause.
Einfach nichts denken.
Schön gedacht – aber wie??? Damit das funktioniert, sage ich unaufhörlich zu mir selbst:
NICHTS DENKEN – NICHTS DENKEN – NICHTS DENKEN – NICHTS DENKEN.
Dabei werde ich langsamer und zum Schluss so langsam, dass ich zwischendurch
Luft holen muss.Das funktionierte.
Nach dieser Pause bin ich wieder total fitt und für die Nacht bereit. Höre den neuen Wetterbericht: Bis morgen Mittag Winde W um 3,
zeitweise umlaufend, Schauer- und Gewitterböen, und danach auf W bis
NW 4, zunehmend 5. NW – das könnte für mich sehr schwierig werden,
denn aus dem NW kann schnell Nord werden und dann kann ich meinen Kurs
nicht mehr halten – schon garnicht gegen 5 Beaufort gegenan bei der kurzen
Ostseewelle. Ich reagiere mit Magengrummeln – aber anderereseits müsste ich
eigentlich morgen Mittag schon angekommen sein.
Na schaun wir mal. Also nach dieser Pause mit James weiter. Langsam senkt sich die Nacht über mein Schiff – und ich stelle fest, dass ich
noch nie in einem so toten, unlebendigen Seegebiet gesegelt bin.
Seit meinem Absegeln nichts als Wasser. Ich bin 25 Seemeilen von der nähesten Küste entfernt – und das ist
russisches Gebiet – also am Horizont nur Wasser.
Aber auf diesem Wasser ist kein einziges Schiff zu sehen. Nichts.
Seit 14 Stunden, seit ich den Großschiffahrtsweg gequert habe, NICHTS.
Kein Sportboot, kein Fischer, kein Dampfer, keine Yacht – NICHTS. Selbst am
Horizont ist nichts zu sehen. Ich habe das Gefühl, auf einem von den
Menschen verlassenen Erdball zurück geblieben zu sein.
Langsam kriecht die Kälte auf mich zu und ich mummele mich in meine
mit Innenfutter versehene Feuerwehrjacke ein. Kein einziges Licht am
Horizont. NICHTS.
Um 23:30 kann ich Segel setzen und mit 4 kn segeln. Um 01:00 ist James wieder dran und der Wind, der eigentlich aus Süd
kommen sollte, kommt nun aus Nord und jetzt beginnt ätzendes Motoren.
Ich hasse es. Und immer wenn ich merke, das ich müde werde, schreie
ich es heraus: SCHEISS WIND, SCHEISS WETTERBERICHT. So laut ich kann.
Danach muss ich dann richtig tief einatmen und ich bin wieder für ne
Stunde oder eine Halbe fitt.
Oder ich sage so laut ich kann einen Satz zu mir selbst. Danach wieder
tief einatmen. Fitt.
Oder ich atme ganz tief vorher ein und sage dann anschwellend und
wieder leiser werdend das Koan: Oohhmmmmm – auch das wirkt sehr
belebend.
Das Starren auf die Kompassnadel ist anstrengend, denn nur ein paar Grad
Abweichung und die Genua fällt vorne ein, so spitz ist der
Segelwinkel.


Zwischendurch habe ich kleine Absencen. Dann Halluziniere ich Stimmen
und Musik. Ich höre von ganz weit weg über das Wasser zu mir dringende
Gespräche, drehe mich um, um zu schauen, ob möglicherweise ein anderes
Schiff in meine Nähe gekommen ist – aber es ist natürlich nicht so.

Oder in eine ganz bestimmt Frequenz des Motorgeräusches mischt sich
eine Saxophonstimme ein – die auch dann nicht weggeht, wenn ich mir
sage, dass ich jetzt halluziniere.
Das ist nicht beim Segeln so, nur unter Motor. Ob mein Bewusstsein
versucht, die nervenden Geräusche des Motors so abzumildern? Muss ich
mal nachforschen, ob es so etwas in der medizinischen Literatur
beschrieben gibt.
Müdigkeit macht sich dann beim Versteuern bemerkbar – ein deutliches
Zeichen dafür, mal wieder eines meiner oben beschriebenen
Belebungsprogramme zu starten.
So gehen die Stunden der Dunkelheit rum und um 02:30 sieht man an den
nicht von Wolken verhangenen Stellen des Himmels langsam den neuen
Tag heraufkommen. Aber bis es wirklich hell wurde , dauerte es noch 3
Stunden.
Der Morgen kommt mit einem völlig konturlosen mit riesigen
Wolkenbergen verhängten Himmel – eben ein ehemaligen flaches Tief,
was nun aufgefüllt wurde und zu einem flachen Hoch mutiert.
Und der Wind ist jetzt Nord, schwach, aber gegenan. Jetzt schon Nord. Ich denke an die Wetterprognose mit N 5, der erst
am späten Nachmittag kommen sollte und mache jetzt auf Tempo. Gegen
Nord 5 , der vielleicht auch noch auf NE geht, brauche ich Stunden,
um dagegen an zu boxen. Ich schiebe den James auf 1600 Umdrehungen
und stelle so sicher, dass wir 5 kn laufen. Wir haben noch 18
Seemeilen vor uns.
Die Ostsee ist jetzt ein Ententeich – selbst die dazu gehörige
Entengrütze ist hier auf quadratkilometer weiten Flächen zu sehen:
Algen.

Um 07:00 mache ich mir einen großen Tee mit Honig und esse einen Apfel
dazu.
Als ich 3-4 Seemeilen vor der Einfahrt in den Seekanal von Klaipeda
stehe, fängt es an zu wehen. NNW.
Um 10:00 Einlaufen in den Seekanal von Klaipeda. Als ich die
Border-Control passiere, werde ich angehupt und als ich langsseits
gehe, fragt er mich wieviel Personen an Bord seien und als ich einen
Finger zeige, schaut er etwas ungläubig, fragt dann nach meinem
letzten Hafen und sagt mir, wenn ich Klaipeda verlasse, solle ich
mich auf Kanal 73 bei der Border-Control abmelden und wünscht mir
hier eine schöne Zeit. Nett.


Als ich meinen im Revierhandbuch ausgezeichneten Yachthafen erreiche,
erwarten mich dort riesige Bagger und Kräne – er wird neu gebaut.
Was nun? Runter in die Kajüte, Jörn Heinrich aufgeschlagen – da ist von einem
Kastellhafen die Rede, mit Drehbrücke davor – aber wo, habe
ich noch nicht gefunden.
Also eine halbe Seemeile zurück. Als ich den Industriehafen entlanglief, habe ich kurz nach der
Border-Control ein Hafenbecken gesehen, in der Yachtmasten zu sehen
waren – mir fällt nichts anderes ein, als das zu versuchen.
Punkttreffer. Ein ehemaliges Industriehafenbecken ist für Yachten
zugänglich gemacht worden. Von diesem Hafenbecken öffnet sich der
mit einer Drehbrücke versehene Kastelyachthaven.

Um 11 Uhr fest – nach 30 Stunden mit wenigen Unterbrechungen an der Pinne.
Und ich stelle fest, ich bin fitt und munter. Zwar etwas drömelig im
Kopf und ich glaube nicht, sehr Spritziges von mir geben zu können,
aber kein bischen müde, sondern ich könnte jetzt auch noch mal 10
Stunden weiter machen.
Mache ich dann auch. An Land.
Später schreibe ich noch Tagebuch und gehe dann um 23:00 Uhr in die
Koje.
Rundherum ein Törn, wie ich ihn nicht gerne wiederholen würde wegen
der Motorerei – ansonsten aber eine gute Erfahrung, die mich bestärkt,
solche langen Törns gut zu bewältigen und sie in mein festes
Segelprogramm aufzunehmen.
Ich glaube, das meine Kraft daher kommt, weil ich gelernt habe,
die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Auch so eine Scheiss Windrichtung.

Es ist wie es ist.

2 Kommentare

Kommentar von: lothar jentzsch
lothar jentzsch

Hej Jörg,
Du hast es geschafft! Ich habe Deinen 30 Stunden-Törn gelesen mit Spannung und als wäre ich mitgesegelt, gelesen. Das ist mir nun nicht vergönnt gewesen. Du hättest aber die Alleinseinerfahrung nicht kennengelernt und das Gefühl, daß ein solch langer Ritt machbar ist. - Jetzt nur noch zur Info. Dein bestelltes Gut ist bisher hier nicht eingetroffen. - Ich habe nunmehr Arbeit und Bauerei zu bewältigen. So ziehen die Tage bei durchwachsenem Wetter dahin. Liebe Grüße, Lothar

13.07.11 @ 16:53
Kommentar von: Anette
Anette

Mensch Jörg,
meine Hochachtung zu deinem sehr abenteuerlichen und langen Törn.
Das liest sich wie ein super spannendes Buch, besonders schön auch die Saxophoneinlage. Ich könnte mir das gut verfilmt vorstellen.
Alles Gute und genieße die Zeit.
Anette

14.07.11 @ 11:16


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