von Jörg Streese

Törnbericht: Rasantes Segeln nach Pavilosta

Törnbericht: Rasantes Segeln nach Pavilosta

Written by:
Published on Juli 23rd, 2011 @ 13:23:19 , using 1114 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Törnbericht: Rasantes Segeln nach Pavilosta
Törnbericht: Rasantes Segeln nach Pavilosta
Törnbericht: Rasantes Segeln nach Pavilosta
Törnbericht: Rasantes Segeln nach Pavilosta

 

Segeln wie ich es mir wünsche


Den ganzen Freitag hatte es im Grunde genommen geregnet – schade für das Rock-Festival, was mehr oder weniger im Freien draussen zwischen Strand und Park stattfindet, zu dem viele junge Leute mit kleinen Zelten gekommen sind, die um das Festival herum zelten.


Wind war mit SE bis SW 5-6, später dann mit 6 angegeben - auch nicht das, was ich mir mit Regenschauern durchwachsen unter schönem Segeln vorstelle.

Also lesen.


Am Samstag brachte ich mein mountainbike zurück – aber um 09:00 Uhr war dort kleiner. Kleine, gerade im Aufbau befindliche Firma „POPART“ - die wohl alle noch von dem Festivalbesuch ausschlafen, was lärmend bis morgens um 07:00 mich immer wieder aus dem Schlaf brachte, weil junge Leute, aufgeheizt durch die Musik, ihre ungebremste Power durch lautes Singen, Gestikulieren und ähnlichem auf dem Weg zu ihrem Hotel an den Stegen der Yachten vorbeitrieb.


Da der WindFinder SE bis SW 3-4 angekündigt hatte, der deutsche See-Wetterbericht später 5-6 vorhersagte, beides aber eher ablandig war, dachte ich, noch eine Nacht hier wegen Lärm nur unzureichend schlafen zu können, ist auch keine schöne Perspektive und wollte los. Sollte mein Mountainbike mich daran hindern? Ich hatte als Sicherheit meinen Pass hinterlassen.

Aber um 10:30 war jemand da, der Platten vorne war völlig ok und ich dachte, jetzt schnell los. 29 Seemeilen lang war der Weg und ich rechnete zwischen 5- 7 Stunden. Eigentlich habe ich lieber eine grössere zeitliche Sicherheitsreserve – aber es war nun mal so wie es war.


996 hPa, wir lagen mitten in einem grossen Tiefdruckgebiet und entsprechend sah der Himmel aus: riesige Stratocumuluswolken hatten sich über den ganzen Himmel verbreitet und waren Ausdruck der labilen Wettersituation: ein bischen Magengrummeln war schon da, aber ich dachte, da alle Prognosen die gleiche Windrichtung angaben, lediglich in der Stärke sich voneinander unterschieden, war das Risiko akzeptabel: Mein Kurs verlief Nord, ich würde den Wind immer achterlich haben und den Wind ablandig oder parallel zur Küste verlaufend, damit auch die Seen achterlich und nach dem Kap Akmenrags würde ich durch das Kap sogar in Lee der Seen kommen.


Also los: nur unter Fock komme ich um 11:30 los (lettische Zeit 12:30) und laufe 4 bis 5 kn. Prima. Der Wind ist warm, ich sitze nur mit meinem Pilotenoverall bekleidet in der Plicht, das Steuern verläuft intuitiv genau so wie mein Blick immer wieder zwischen Kompass, Windex, Kartenplotter und Segeln hin- und herschweift. Es gibt keine Landmarken - und ich lasse meine Gedanken schweifen.


Ab und zu einen Blick auf den Himmel in der ganzen Runde, ob sich dort gravierende Wolkenveränderungen zeigen – aber nichts der Gleichen passiert.


Es ist - schon wieder oder immernoch? - eine achterlich einkommende See vorhanden, ca. 1 Meter hoch, zwischendurch auch höher, die nicht durch diesen Wind erzeugt werden konnte. Sie muss aus anderen Gebieten stammen – was ja sehr gut möglich ist, denn das Vorhersagebebiet Zentrale Ostsee ist ein riesiges Gebiet, was sich von Schweden über Gotland bis nach Lettland und Litauen zieht und in seiner Breite 300 Seemeilen groß ist.


So geht eine Stunde nach der nächsten rum und dann entdecke ich endlich das Kap, was sich durch einen jetzt noch winzig kleinen Leuchtturm kennlich macht. Ich denke, na, da bin ich doch bald, denn ab 13:30 ging der Wind ohne Pause plötzlich auf SSW und legte zu und ich lief 5-6-7 kn. Ich rechne: 22 Seemeilen soll der Weg zwischen Liepaja und Pavilosta lang sein, bis zum Kap ist es vermutlich 3 sm kürzer, bei durchschnittlich 5 kn müsste ich in drei bis bis dreieinhalb Stunden am Kap sein. Wir haben 14:00 Uhr – also maximal noch eine Stunde.


Schön gedacht.

Ich war einer perspektivischen Täuschung erlegen - und ich hatte schlicht und einfach den Angaben im Prospekt von Pavilosta vertraut. Der Weg zwischen den beiden Häfen ist 29 und nicht 22 sm lang, wie der Prospekt angab und das vorspringende Kap erschien mir nur als ein vorspringendes Kap, weil ich parallel zur Küste lief und dann erscheint das, was man als ein Kap sieht, weil es einen Endpunkt in der Küstenformation darstellt, immer vorspringend, obwohl es in der gleichen Flucht liegt, wie der ganze Küstenstreifen, den ich hier entlang segle – im Abstand von ca 2-3 sm.


Um 15:00 geht der Wind zurück auf SSE und geht auf 6 hoch, halber Wind, ich laufe zwischen 6-7 kn und manchmal geht es sogar hoch auf 8,2 kn - die Seen sind wieder mächtig (?) geworden, 2 Meter, und die Lazyjacks fangen an zu singen, bei mir immer ein Zeichen von Windstärke 6.

Ich mache ein paar Fotos und Filme ein wenig, weil das Steuern intuitiv verläuft.


16:20 bin ich am Kap am virtuellen Wendepunkt, von wo an mein Kurs jetzt 30 Grad betragen wird, direkt auf den Seekanal von Pavilosta zu, das jetzt noch 6 sm entfernt ist – ca. eine bis anderthalb Stunden noch.


Die ganze See ist überzogen mit mit weissen Katzenfüsschen, hinter mir gischen die Wellenkämme hoch und sicherheitshalber mache ich ein zusätzliches Steckschot zu – man weiß ja nie.


Noch eine halbe Stunde segle ich durch dieses von Gischt erfüllte Kapgebiet, dann wird es ruhiger.

Je mehr ich in Lee des Kaps komme, desto ruhiger wird die See, aber auch der Wind kommt jetzt direkt von vorne – Ablenkung durch die veränderte Küstenlinie, die den Wind anscheinend bis zu 40 Grad ablenkt.


Dann entdecke ich Pavilosta, oder zumindest das, was ich für ein Zeichen dieses Hafens halte: einen grossen Gittermast, der für mich ein Zeichen für die Radaranlagen und Kommunikationsanlagen eines Hafens ist – und er liegt gebnau in Richtung meines Kurses.


Dann entdecke ich die beiden Molenköpfe – oder zumindest meine ich, dass sie das sein können, denn dies ist meist ein markantes Merkmal – und sie sind es.

Ich segle bis in die Einfahrt rein, übergebe Admiral von Schneider das Ruder und gehe nach vorn und hole die Fock runter. Inzwischen ist der Wind auf moderate 2-3 Windstärken runtergegangen und mit dem Anblick eines freundlichen, kleinen, verschwiegenen Hafens beende ich meinen heutigen Törn, an einem der 10 Liegeplätze als einziges ausländischen Schiff hier, der schöner nicht hätte sein können.


Ein freundlicher Coast-Control-Beamter erwartet mich, fragt nach Namen des Schiffes, letztem Hafen und zukünftigen Hafen und mit unserem reduzierten Englischkenntnissen fragt er mich, ob ich das erste Mal hier sei, wie ich sein Land finde, die Menschen hier und überhaupt und ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich sehr angetan von den Menschen und dem Land hier bin – weniger von der Küste, die abwechselungsreicher sein könnte.


Diese Ort (1000 Einwohner) scheint etwas zu haben. In dem sehr modern und neu gebauten Restaurant find ich eine ganze Reihe alternativ aussehender Menschen, die in Französisch, Englisch, Deutsch miteinander sprechen, das Essen ist hervorragend und preislich sehr ok (gerillter Lachs in Weisweinsoße mit Beilagen für 6,20 LIV, etwa 7 EUR) und ich bin mit dem Tag sehr zufrieden.

Zu den Bildern:

1 Liepaja am fernen Horizont

2 unterwegs

3 unterwegs

4 Küste bei Pavilosta

Noch kein Feedback


Formular wird geladen...