von Jörg Streese

7 Stunden aufmerksam an der Pinne: von Dirhami nach Lohusalo

7 Stunden aufmerksam an der Pinne: von Dirhami nach Lohusalo

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Published on Juni 28th, 2012 @ 12:26:58 , using 670 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
7 Stunden aufmerksam an der Pinne: von Dirhami nach Lohusalo
7 Stunden aufmerksam an der Pinne: von Dirhami nach Lohusalo
7 Stunden aufmerksam an der Pinne: von Dirhami nach Lohusalo

 

Der Seewetterbericht sagte NW 4-5, nach 12 Uhr auf W 3 abnehmend voraus, später auf West gehend, Welle bis 1,5 Meter.


Um 11 Uhr bin ich dann los, habe noch im Hafen das Groß gesetzt und mit Groß und Motor aus der Bucht heraus, weil ich den Wind da sehr spitz gegenan hatte.


Als ich auf meiner Kurslinie 60 Grad war, die mich bis in die Bucht von Lohusalu bringen sollte, versuchte ich die Fock dazu zu setzen, aber sie fiel wegen Wind platt von achtern immer wieder ein, so dass ich sie wieder runter nahm.


Jetzt begannen 25 sm vor diesem Wind, der mir keine Sekunde Loslassen der Pinne gestattete, denn der Wind hatte gute 4, manchmal denke ich war da auch eine 5 drin, denn MISS SOPHIE lief nur unter Groß zwischen 5,5 und 6,5 kn und manchmal ging es auch bis zu 7,5 kn, wenn sie gleichzeitig von einer sie überholenden Welle auf den Buckel genommen wurde.

Das war anstrengend, denn bei den Rollbewegungen musste ich acht geben, dass der Großbaum nicht unfreiwillig überkommt.

Irgendwann hatte ich mich in der Plicht so eingeklemmt und eingemummelt – es war relativ kalt und ich hatte meine Feuerwehrjacke und Handschuhe an – dass ich mehr intuitiv als bewusst mich auf Welle, Wind und Schiffsbewegungen eingestimmt hatte und das Steuern eigentlich ganz intuitiv passierte - sozusagen nebenherlaufend zu meinem aktuellen Bewusstseinsakten, die aber auch eher sich treiben ließen.

Immer wenn der Wind mal wieder Richtung 5 ging, schaute ich ein wenig skeptisch ins Segel, dann nach achtern in die sich immer höher aufwölbenden Wellen, die jetzt in der Regel 1,5 bis 2 Meter hatten, dann wieder ins Segel und überlegte: Groß runter und Fock rauf oder noch stehen lassen?

Ich entschioed mich für stehenlassen, denn ich hatte MISS SOPHIE gut im Griff und damit auch das Groß und eine Halse war kaum zu erwarten und MISS SOPHIE lief gut vor diesem Wind und machte ihre Meilen.


Nur wieder meine Wasserflasche wieder aufzufüllen war mir dabei nicht vergönnt, noch mir ein paar Kekse raufzuholen. Ich musste an der Pinne bleiben und aufmerksam steuern, 7 Stunden lang.

Ein paar mal passierte es, dass eine der nachfolgenden und mich überholenden großen Wellen von schräg achtern plötzlich neben mir stand und mich ein bischen von oben her anglotzte: aber nicht bissig, sondern freundlich herablassend, denn die Buckel waren noch rund und gutmütig. Trotzdem war es, als wenn mein großer Bruder plötzlich neben mir kleinem Kind steht. Ich hätte die Hand ausstrecken können und ihr über der Seereling über den Buckel streicheln können – aber in dem Moment hob sie schon den Rumpf von MISS SOPHIE, hob sie hoch und glitt unter ihr durch und ließ mich achtern von ihr tief ins Wasser gleiten – und schon kam die nächste Welle und das Spiel begann von vorne.

Als ich langsam auf die Halbinsel Pakri – so zumindest der Name in meiner russischen Seekarte - mit dem vorgelagerten Flach von 6 m bei sonstigen Wassertiefen von 50 Metern und der Nord-Tonne zusteuerte und diese Tonne suchte, war ich verwundert, wie weit an Backbord sie auftauchte und wie weit ich auf Steuerbord versetzt war.


Nach dem ich sie gut an Backbord passiert hatte, entschied ich, das Großsegel gegen die Fock auszuwechseln, eine Aktion, bei der ich mich bei dem jetzt herrschenden Wellengang gut festklemmen musste und darauf zu achten hatte, immer eine Hand für den Mann am Schiff zu haben.


Nur unter Fock lief MISS SOPHIE vielleicht eine halbe bis eine Meile weniger, aber immer noch gute 5 kn, ich ich war zufrieden.


Bei der Nord-Tonne der Lahulalu-Bucht, auf die ich nun mit Ost-Kurs losging, fiel mir die Orientierung schwer. Denn was auf der Karte als Bucht deutlich gezeichnet war, hob sich hier vor dem Hintergrund der Küstenkontur überhaupt nicht ab und eine Bucht war hier nicht zu erkennen. Gut, eine Seekarte zu haben.


Um 18:00 war ich fest. Und ein wenig kaputt. Bratkatoffeln und zwei Dosen Bier. Und der vorletzte Teil der Odyssee.


Vom Törn keine Bilder ausser den Wolken und dem Skipper, fand in den 7 Stunden ansonsten keine Gelegenheit, den Fotoapparat in die Hand zu nehmen.

 

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