von Jörg Streese

Mit der Seele segeln und in der Seele segeln: nach Hanko

Mit der Seele segeln und in der Seele segeln: nach Hanko

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Published on August 5th, 2013 @ 21:29:00 , using 1023 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Mit der Seele segeln und  in der Seele segeln: nach Hanko
Mit der Seele segeln und  in der Seele segeln: nach Hanko
Mit der Seele segeln und  in der Seele segeln: nach Hanko
Mit der Seele segeln und  in der Seele segeln: nach Hanko
Mit der Seele segeln und  in der Seele segeln: nach Hanko

 

2013_08_04

 Der Tag begann mit einem strahlend blauen Himmel und er versprach gut zu werden, denn Turku hatte Winde zwischen 3 und fast 5 Beaufort angekündigt und dann noch aus der richtigen Richtung, nämlich Süd, ich will nach Hanko und das liegt im Osten und ist recht weit weg, runde 30 bis 35 Seemeilen, also bei 4 kn runde 9 Stunden.

 Also wurden hurtig um 11 Uhr die Leinen losgemacht, Fock und Groß gesetzt und es ging los.

 Das Wetter war blendend, der Kapitän guter Laune, MISS SOPHIE machte sich munter auf den Weg und alles war gut.

 Eine kleine Privat-Regatta mit einem Nebenbuhler, einem etwa gleich großem Plastikschiff, gewann ich merkwürdigerweise, denn eigentlich sprach alles gegen mich: ausgelutschte Segel, dreimal so schwer, schlechteres Unterwasserschiff (weil Stahl und Knickspant), aber es war so.

 Dann wurde das Hochgefühl langsam etwas weniger.

 Weniger Wind.

 Die ersten Yachten motorten munter an mir vorbei, aber ich blieb stur.

 Dann noch weniger Wind.

 Um 14:00 Uhr machte ich noch 2,5 kn, soviel wie ein langsamer Radfahrer, der Himmel zog sich langsam zu, immer mehr Yachten brummten mit dem Motor und zogen vorbei, und ich fing an zu rechnen: bei der Geschwindigkeit …... bis ich um 15:30 langsam einsah, dass das mit segeln wohl heute nichts mehr wird. Vor allem wenn der Wind direkt von hinten kommt und das Großsegel wie ein breitgespanntes Betttuch quer vom Schiff absteht, dann bremst es das bischen Fahrt, was durch es bewirkt wird.

 Ich bekam schlechte Laune.

 Wieso stecke ich immer in einer Flaute?

 Warum passiert das immer mir?

 Und warum das gerade heute?

Und wieso überhaupt?

Das ging eine ganze Weile so, meine Laune immer schlechter, der Himmel immer dunkler und schließlich stand MISS SOPHIE und ich auf ihr auf der Stelle mitten im Meer.

 MISS SOPHIE bewegte sich nicht mehr von der Stelle.

 Sie stand einfach still.

 Auch nicht schlecht. Aber irgendwann würde ich müde werden. Und das Ende von dem Törn endete in einem komplizierten Gewässer, das ich nicht gerne bei Dunkelheit durchqueren möchte, mit Flachs, die nur von unbeleuchteten Tonnen gekennzeichnet sind.

 Und so geruhsam und still war es hier auch nicht: Es war Sonntag-Nachmittag, alle wollten und/oder mussten zurück nach Turku, weil morgen die Arbeit ruft, oder weil die Kinder langsam nörgelig werden und am Strand oder wo auch immer spielen wollen, oder die Ehefrau langsam genug hatten oder oder oder und ein nerviges Motorboot nach dem anderen dröhnte an mir vorbei und ließ meine nörgelige Stimmung zu wahren Hochtouren auflaufen.

 Aber man hat ja nicht umsonst auf der Couch gelegen.

 Irgendwann trat ich einen Schritt beiseite und guckte mir diesen nörgeligen, immer schlechter gelaunten Streese von der Seite an und sagte zu ihm:

„Na Streese, kennste das?“

 "JA"

 Ich kannte das.

 Das kannte ich so gut, dass dass es mich irgendwann auf die Couch getrieben hat.

 Es ging nicht nach meinem Willen.

 Und das machte mir schlechte Laune, machte mich wütend, erst auf die anderen, dann auf mich selbst und am Ende stand ein völlig zerknirschter Streese da, der auf die ganze Welt in die Tonne treten wollte.

 So war das mal.

 Und jetzt war es wieder so.

 Aber einen ganz kleinen Unterschied gab es jetzt zu damals: Ich kann jetzt neben mich treten.

 Und das macht eine ganze Welt aus.

 Und jetzt war wieder eine solche Situation.

 Und plötzlich konnte ich innerlich lächeln.


 'Streese, du bist zwar Opfer deiner Gefühle, aber du bist auch der Produzent deiner Gefühle.'


 Und nach einer Weile, wo ich so neben mir stand, nein saß, denn wir waren ja auf MISS SOPHIE, und ich dem neben mir leidenden Streese ein Stückchen näher rückte, konnte ich ihm sagen:

 „Streese, das kennst du doch und inzwischen weißt du auch, woher diese Gefühle kommen, wo sie entstanden sind und an diesen Ort musst du dich jetzt wieder begeben, um ihren Ursprung noch einmal zu kosten und dann wieder zurück kehren an diesen Ort hier auf MISS SOPHIE, wo dich diese Gefühle wieder eingeholt haben und sie dir unter diesem Aspekt noch einmal anschauen: Erkennst du das Grundmuster wieder?

 Na, sagt schon, erkennst du es?'


' Ja.'

 

Und ich musste lächeln.

 

Meine Großmutter.

Mutterersatz. Weil meine Mutter arbeiten musste. Oder wollte. Oder beides.


 Meine Großmutter, die auf jede Regung von mir mit Angst, Schrecken und Panik und später dann mit Herzattacken reagierte: dem ihr anvertrauten Enkel könnte etwas passieren, wenn er sich bewegt, und bewegen heißt Gefühle zeigen.


 Nein, nicht mir könnte etwas passieren, sondern ihr wird etwas passieren, wenn ich weiter meinen eigenen Willen zeige.

Nämlich ihr Herz wird aussetzten.

 Und das machte mir bei der kleinsten Regung meines eigenen Willens ein Problem: ich merkte, dass ich für den Zustand meiner Großmutter verantwortlich bin. Dasb ihr Zustand mit meiner Art zu sein, etwas zu tun hat (ich war da ja schließlich erst 3, 4, 5 Jahre alt).

Ich bekam ein schlechtes Gewissen.


Aber ein Kind muss seinen eigenen Willen entwickeln, sonst geht es zu Grunde.

Und deshalb wurde dieser Konflikt für mich existentiell, denn beides war da: die Notwendigkeit, meinen Willen zu entdecken, zu zeigen und durchzusetzen und die damit verbundenen Folgen, dass eine von mir am Anfang geliebte Person zum Verhinderer meiner Entwicklung wurde, oder, um es in seiner Dimension deutlich zu machen, mich töten musste, würde ich weiter meinen Willen entwickeln wollen.

 Also musste ICH töten.

 Und plötzlich wusste ich, wozu diese Flaute unter einem dunkelgrauen Himmel für mich da war: Noch einmal und noch ein Stückchen tiefer und intensiver zu begreifen, wie ich zu dem wurde der ich bin.

 Ich war wieder bei mir.

 Der neben mir sitzende Streese war verschwunden, der griesgrämige Streese war ebenfalls verschwunden und auf MISS SOPHIE saß ein gutgelaunte Streese, der gerade einen Fight gewonnen hatte.

 Um 19:30 war ich in Hanko, nach dem es zum Schluss navigatorisch noch einmal etwas spannend wurde und zudem am Himmel ganze Kommentare zu meinen inneren Vorgängen stattfanden.

 In Hanko, an meiner Boje, an der ich festmachen wollte, entdecke ich einen Bojenhaken, den ich mit einiger Mühe losbekam, weil er verbogen war und deshalb dort auch wohl zurück gelassen worden war, den ich am nächsten Tag mit etwas Mühe wieder in Stand setzte und nun habe ich ein solches ganz nützliches Gerät, was im Laden 80 EUR kostet.

 

 

 

 

 

 

 

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