von Jörg Streese

Scheiße: Kein Wind und Motorprobleme. Nach Ruhnu

Scheiße: Kein Wind und Motorprobleme. Nach Ruhnu

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Published on August 24th, 2013 @ 07:24:00 , using 960 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Scheiße: Kein Wind und Motorprobleme. Nach Ruhnu
Scheiße: Kein Wind und Motorprobleme. Nach Ruhnu
Scheiße: Kein Wind und Motorprobleme. Nach Ruhnu

 

2013_08_24

Von Kuivasto nach Ruhnu

Am gestrigen Abend hatte ich mir noch die Seekarten für den heutigen Törn angeschaut, so, wie ich es eigentlich immer mache: von hier nach Ruhnu, der kleinen Insel mitten im Rigaer Meerbusen, sind es 50 Seemeilen, also bei den angekündigten Nord bis Nord-Ost 3-4 um die 12 Stunden.

Da es hier im Gegensatz zum Anfang dieses Segeltörns, wo es eigentlich nie dunkel wurde, hier relativ schnell jetzt um 21:00 stockduster wird, stellte ich mir den Wecker auf 05:30, um 06:00 die Leinen loswerfen zu können.

Und so war es auch. Leinen los und los.

Fock und Groß, weil es schon Nord-Ost geworden war, erst 3 Knoten, dann 4 Knoten, dann waren wir bei 5 und langsam fing mein Herz an, wieder freudig zu schlagen, denn jetzt war auch schon die 6 dabei.

Um 10:00, die Insel Saaremaa war noch am Horizont zu sehen, wurde der Wind weniger, ich machte nur noch 4 oder 4,5 Knoten und fing an zu rechnen, wann ich bei dieser Geschwindigkeit wohl ankommen würde.

Um 11:00 ersetzte ich die Fock durch den Blister, dieses Leichtwindsegel, das eine große bauchige Form hat und auch bei leichtestem Wind steht. Das Großsegel fiel inzwischen ein, also weg damit, nur noch der Blister.

Sah zwar schön aus, brachte aber nur 3 Seemeilen pro Stunde. Zu wenig.

Ja, was ist denn mit dem deutschen Seewetterdienst los?

Wenn die gestern Abend für zwei riesige Seegebiete von nachts bis zur nächsten Nacht, für die nördliche Ostsee und den Rigaer Meerbusen Nord bis Nord-Ost 3-4 angeben, und jetz finde ich hier um Mittag Flaute vor?

Was blieb mir anderes übrig, als James anzuwerfen.

Und ich zog mich grummelnd in mich selbst zurück und fragte mich beständig, womit ich dies verdient habe und so weiter und so fort. Obadja aber lächelte dazu nur in seiner weisen Art, die Dinge des Lebens so zu nehmen, wie sie sind.

Da bin ich anscheinend noch nicht.

NEIN.

DA BIN ICH NOCH NICHT

Immer wieder mal noch nicht.

Na, ja, so ähnlich habe ich diese Stunden an der Pinne mit dem Motorgeräusch im Ohr verbracht.

Ich war jetzt in dem Gebiet, wo man nirgends mehr Land sieht.

Um mich herum eine einzige riesige Wasserfläche von kleinen Wellen gekreuselt, ab und zu eine auf dem Wasser schwimmende Möve, am Himmel über den Landmassen kleine Cumulus-Wölkchen, über mir eine riesige blaue Fläche und eigentlich eine Situation, die man nur so geniessen sollte.

Also: es sich in der Plicht gemütlich machen, Motor aus, der Herrgott hat jetzt Pause angesagt und in die blaue Luft schauen und mal gucken, was da für Gedanken in einem hochkommen.

Ja, so sollte man es machen.

Aber der Gedanke, dass ich eigentlich heute Abend ganz geruhsam in einem Hafen meinem Schlafbedürfnis nach kommen möchte, drängt sich da beständig dazwischen.

Das macht kein gutes Gefühl. Beziehungsweise stört diese Situation erheblich.

Um 14:00 entdecke ich am Horizont nur die Ahnung eines Striches.

Aber weil ich inzwischen auf solche Sehzeichen eingenordet bin, hole ich meinen Kieker raus und überprüfe diese Wahrnehmung: Aber auch im Fernglas bei den Bewegungen des Schiffen kann ich nur sagen; ja, könnte sein, ein Sendemast.

So um 15:00 herum verändert sich plötzlich minimal mein Motorgeräusch.

Das kenne ich schon. Scheiße.

Irgendwas in der Dieselzufuhr ist das Problem.

NEIN. Bitte nicht jetzt.

Es ist nach einigen wenigen Minuten weg.

Aber in meinem Kopf bleibt dieser Vorgang gespeichert, hält mich lauernd auf Trapp und meine Aufmerksamkeit geht zu 100 Prozent jetzt auf die Motorgeräusche.

Das Problem ist, das ich von Motoren so viel verstehe wie von Chirurgie.

Um 15:30 wieder ein anderes Motorengeräusch, diesmal etwas deutlicher.

Ich schiebe den Gashebel nach vorne, aber die Umdrehungszahl des Motors ändert sich nicht so, wie man es erwarten würde.

Ich kuppel aus, drehe den Gashebel nach vorne, er dreht auf.

Scheiße.

Irgendetwas ist anscheinend mit der Dieselzufuhr nicht in Ordnung.

Aber was?

Eine halbe Stunde später, um 16:00, die Insel Ruhnu liegt schon querab, geht der Motor nach Ankündigung durch diese veränderten Motorgeräusche wirklich aus.

Ich überlege.

Über Seefunk könnte ich Ruhnu anrufen und um Schlepphilfe in ihren Hafen bitten. Der Hafen ist inzwischen keine 8 Seemeilen entfernt.

Aber andererseits muss ich feststellen: was ist denn los?

Mein Motor ist ausgegangen.

Ich bin in der Nähe eines Hafens, den ich auch bei Nacht ansteuern kann.

Oder ich kann mir wenn alles nicht mehr geht, von dort Hilfe erbitten.

Also keine Panik, sondern überlegen, was ich tun kann.

Problem eingrenzen.

Ich schraube das Öffnungsventil meines extra eingebauten SEPA-Diesel-Filters auf, drehe den Motorschlüssel, um den Zündvorgang einzuleiten, womit die Dieselpumpe in Gang gesetzt wird, aber da spritzt kein Diesel raus.

Also kommt da auch kein Diesel an.

Gehen wir einen Schritt zurück.

Die zusätzlich eingebaute Dieselpumpe, die den Diesel aus dem tief im Kiel eingebauten Tank hochpumpt, wird überprüft: sie gibt merkwürdige Geräusche von sich.

Das Röhrchen, das den Diesel aus dem Tank nach oben zur Pumpe führt, wird mit Durchpusten gestestet: ist frei.

Aber als ich den kleinen Schraubverschluss des Tankes öffne, höre ich ganz kurz das Geräusch von einzischender Luft, so, als wenn sich im Tank ein Unterdruck gebildet hat, der durch das Öffnen des Systems ausgeglichen wird.

Das habe ich mir gemerkt.

Aber ich habe dafür keine Erklärung.

Denn das System der Tankentlüftung, also der Schlauch, der beim Tanken die durch den einfließenden Diesel verdrängte Luft des Tanks nach außen führt und wo beim Verbrauch dieses Diesels, die Luft von aussen zugeführt wird, funktioniert, was ich durch Durchblasen dieser Schläuche geprüft habe.

Das verrückte an der ganzen Geschichte ist, dass durch diese ganzen Überprüfungen der Motor zum Laufen kam, mich sicher in den Hafen von Ruhnu gebracht hat, mich jetz aber weiter in meinen Träumen verfolgen wird, denn morgen muss ich zurück nach Ruhnu, angekündigt ist ein segelbarer Wind von NE bis N 3, danach NE 3-4.

We will see.

 

(das Bild vom Abendhimmel habe ich in Ruhnu abends gemacht)

 

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