von Jörg Streese

Und schon wieder....60 Meilen nach Ruhnu

Und schon wieder....60 Meilen nach Ruhnu

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Published on August 16th, 2016 @ 11:46:00 , using 868 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Und schon wieder....60 Meilen nach Ruhnu

Es ging damit los, dass mein Wecker nicht um 05:00 kingelte, sondern erst um 06:00 Uhr.
Also konnte ich die Leinen erst um 07:00 losmachen und motorte los, weil kein Wind war.

Als ich im Fahrwasser Valkle Vain zwischen Muhu und Saaremaa war, setzte ich die Segel, denn je mehr ich mich aus der Landnähe wegbewegte, desto mehr Wind war dann doch da.

Wir hatten WSW 2-3, aber von hinten näherten sich mehrere sehr schwarze Wolkengebirge, die nicht nur Regen ankündigten, sondern wahrscheinlich schwere Schauer- und Gewitterböen.

Und so war es auch.

Die Böen, die etwa eine halbe Stunde wehten, waren so stark, dass sie mich zwangen, MISS SOPHIE hoch an den Wind zu bringen, obwohl sie mich damit den Flachwasserzonen der Saaremaa-Halbinsel Kübassaa  gefährlich nahe brachten.

Ich hatte natürlich für diesen Wind (6-7 Beaufort, in den starken Böen vielleicht sogar mehr) mein
Grosssegel nicht gerefft, weil ich dachte, die
Gewitterwolken würden weggeblasen werden, aber
Gewitterböen haben so ihre ganz eigene Art, ihre Wege zu ziehen, und meist gegen die Windrichtung, die sie dann, wenn man unter ihnen ist, wiederum radikal drehen.
Ich war praktisch in der Hand dieser Böen, die mich zwangen, auf Land zuzuhalten, das von sehr flachen Bereichen umgeben ist.

Aber wir haben dass gerade noch geschafft und ich konnte wieder meinen Kurs selbst bestimmen, der mich um 09:00 an den Punkt brachte, wo ich direkten Kurs auf das 50 sm entfernte Ruhnun absetzen konnte.

W 4-5, etwas halber Wind, nicht ganz, er kam ein ganz bisschen mehr vorlich, aber jetzt konnte ich meine Holland Wind-Vane in Gang setzen und mich segeln lassen, einen Tee trinken, ein bisschen Brot knabbern und mich etwas ausruhen.
MISS SOPHIE segelte zwischen 5-7 kn und soweit war alles gut - was mir Sorgen machte, war der Himmel, der sehr dunkel war und noch dunkler wurde und ebenfalls viel Wind versprach.
Und der sollte dann auch kommen.

Um 12:00, nach dem ich schon seit zwei Stunden zwischen 6, und manchmal sogar 8 Knoten gesegelt bin, war klar, so kann das nicht weitergehen und ich entschied mich, dass Grosssegel zu bergen.

Bei dem Wind herrscht im Rigaer Meerbusen ein ekelhafter kurzer Seegang, dessen Wellen MISS SOPHIE immer wieder auf die Seite legen, aber sonst war eigentlich alles gut, nur wie gesagt - der Himmel.

Also Gross runter.

Garnicht so einfach, wenn man sich nicht auf seine linke Hand verlassen kann und auch das linke Bein nicht so will, wie es soll.

Beim Beidrehen werde ich durch das heftige Sich-auf-die-andere-Seite-legen des Schiffes schmerzhaft auf die gegenüberliegende Kante der Grätings geschleudert, meine Mütze verschwindet in den Wogen und meine Brille wird mir vom Gesicht gerissen und das linke Glas zerspringt.

Aber jetzt nach vor, Grosssegel runter, was durch meine Lazyjacks gut gelingt, Segel festlaschen, dabei aufpassen, dass ich immer einen sicheren Halt habe, denn ich kniee jetzt auf dem Kajütdach,  dann ist das geschafft und ich kann MISS SOPHIE wieder auf Kurs bringen und eine Pause einlegen, nach dem ich die Windfahnensteuerung wieder einjustiert habe.

6 kn Geschwindigkeit nur unter der Fock halte ich für eine gute Geschwindigkeit und fange langsam an, mir auszurechnen, wann ich wohl die Insel in Sicht bekomme.

Der Wind wird etwas moderater, was aber bedeutet, dass meine Geschwindigkeit auf zwischen 4 und 5 kn runtergeht, aber das ist ok.

Dann plötzlich um 15:30 sehe ich Ruhnu gross und sehr viel breiter als ich mir gedacht hatte am Horizont.

Ein Frachter quert vor mir auf dem eingezeichneten Fahrwasser und ich muss jetzt einmal auf die Toilette.

Das ist nicht so ganz einfch, weil MISS SOPHIE natürlich bei dem halben Wind auf der Backe liegt und entsprechende Bewegungen auf der schiefen Ebene macht. Da einen festen Stand zu behalten und sich aus den Klamotten zu pellen, erfordert schon einiges akrobatisches Talent, erst recht wenn die linke Hand nicht mitarbeiten kann und geht meist nicht ohne zwei blaue Flecken.

Wieder an Deck, macht sich auch meine zweite Segelmütze auf und davon und bei einem Segel-Manöver kann ich meine mir vom Gesicht gerissene zweite Brille gerade noch davor retten, es der Mütze gleichzutun.

Und dreimal patscht mir eine sehr vorwitzig hochkommende Welle ihren Gischt ins Gesicht.
Aber jedesmal bin ich danach wieder hellwach - hat auch was.

Der Wind legt wieder zu, ich messe in 2 Meter Höhe 20 kn, dass sind gute 5 Beaufort, also in Segelmitte sind das 6 Beaufort.

Ich bin schon am überlegen, wie ich wohl und wann das Vorsegel runter nehmen kann, denn die Wellen sind hier recht heftig, als der Wind doch langsam sehr viel nördlicher einkommt und ich damit etwas in den Windschatten der Insel komme, dessen Hafen im Süden der Insel liegt.

Um 18:00 Uhr ist es soweit, ich bin an der Ansteuerungstonne, schmeisse den Motor an, flehe kurz zu was auch immer, er möge einfach seine Arbeit machen, berge die Fock, immerhin 20 Quadratmeter und dann diesel ich  langsam in den Hafen, wo mich schon der Hafenmeister in  Empfang nimmt und die Vorleinen versieht.

Ich bin heilfroh jetzt hier angekommen zu sein, sehr viel eher als ich dachte, aber der Himmel ist schon grau und dunkel.
Mein Essen von Gestern wir schnell heißgemacht, und dann fange ich an, langsam wieder runter zu kommen, den Tag noch mal mir durch den Kopf gehen zu lassen, mir zu notieren, was war gut und gelungen, was nicht und wo muss noch dran gearbeitet werden und mit zwei Wodkas beschließe ich den Tag. 

Nur meine Rippe macht mir etwas Sorgen, denn sie bleibt sehr schmerzhaft.


1 Kommentar

Kommentar von:

Hallo Jörg, Glückwunsch, da ist dir ja ein kleines Meisterstück gelungen unter diesen widrigen Bedingungen und plötzlichen Wetteränderungen doch endlich nach Ruhnu zu kommen. Solche Rippenprellungen sind ja leider schmerz-hafter und langwieriger, als wenn denn eine Rippe mal durchknackst. Machen kann man da so und so kaum etwas. - Insgesamt hat der auch hier auf den Wetterkarten sichtbare Nordwind die Miss Sophie und dich denn doch nach Ruhnu gebracht. Ich wünsche dir dort erst´mal ein paar schöne Erholungstage. Es ist ja noch Mitte August…. und dann vielleicht mal eine >Schönwetterfahrt< mit optimalen Wind nach Mersrags! - Sei herzlich gegrüßt von Ulrich und auch EVA !!!
PS Ruhnu hätte ich ja auch noch gerne “mitgenommen” ; aber es kam ja anders….

16.08.16 @ 20:28


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