von Jörg Streese

Schlechtwetterlektüre: Hans-Christian Andersen: Der Reisekamerad

Schlechtwetterlektüre: Hans-Christian Andersen: Der Reisekamerad

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Published on Juni 27th, 2017 @ 13:56:00 , using 1360 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Schlechtwetterlektüre: Hans-Christian Andersen: Der Reisekamerad

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Schlechtwetterlektüre: Hans-Christian Andersen, Der Reisekamerad

Wie üblich bei Schlechtwetter greife ich in meine 100-Bände-Reclam-Bücherkiste und wähle quasie blind mein nächstes Buch aus. 

Diesmal hat es die Märchen von Hans-Christian Andersen getroffen, darin: Der Reisekamerad.

Dem Protagonisten Johannes stirbt in jungen Jahren sein von ihm heiss geliebter Vater.

Noch am Bett des toten Vaters hat er einen Traum: vor seinem Vater reicht ihm eine Prinzessin die Hand zur Heirat.

Johannes macht sich auf, in der Welt etwas zu werden. Von seinem wenigem Geld gibt er einem Bettler etwas und als er in einer Kirche Schutz sucht, bekommt er mit, wie zwei Unbekannte einen hier aufgebarrten Toten wegschaffen wollen, weil er ihnen angeblich Geld schuldet. Johannes kann das nicht zulassen und gibt all sein Geld den beiden, wenn sie den Toten in Ruhe lassen.

Wenig später trifft er einen anderen Wanderer und sie beschliessen zusammen weiter zu gehen. Als sie ein altes Mütterchen treffen, was sich ein Bein gebrochen hat, heilt der Reisekamerad auf geheimnisvolle Weise mit einer Salbe das Bein, lässt sich dies aber mit den drei Ruten des Mütterchens bezahlen. Ebenfalls einem Puppenspieler hilft er auf diese Weise und einem Schwan und von beiden nimmt er dafür ein Schwert und die Flügel des Schwans.

Dann trifft Johannes auf die Prinzessin, verliebt sich Hals über Kopf in sie und ist bereit, für ihre Eroberung drei Fragen zu beantworten, die allen seinen Vorgängern schon den Kopf gekostet haben. Die Prinzessin ist verzaubert und muss alle ihre Bewerber nach der falschen Beantwortung ihrer Fragen an diesen Zauberer abliefern.

Der Reisekamerad ist immer noch in der Nähe von Johannes und begleitet unerkannt die Prinzessin bei ihren nächtlichen Besuchen bei dem Zauberer und belauscht die Fragen, die er ihr für den neuen Heiratskandidaten aufgibt und teilt diese im Traum Johannes mit. 

Das Volk und der König sind überglücklich, nachdem Johannes die drei Fragen richtig beantwort hat, endlich einen Bräutigam für die Prinzessin zu haben, aber die Prinzessin ist immer noch unter der Macht des inzwischen von dem Reisekamerad getöteten Zauberers und erst ein letztes Zaubermittel von ihm lässt die Prinzessin wieder normal werden: Johannes muss sie in ein Bad mit den Zaubermitteln des Reisekamerads gegen ihren Willen tauchen. Da erst wacht sie auf und sie werden ein glückliches Paar.

Der Reisekamerad verabschiedet sich, obwohl Johannes ihn bittet, auf ewig Gast bei ihm zu sein und hinterlässt ihm die Mitteilung, der Tote, dem er mit seinem Geld die ewige Ruhe verschafft habe, dass sei er - worauf er auf der Stelle verschwand.

Ehrlich gesagt hat mich die Geschichte nicht vom Hocker oder hier von den Kojen gerissen. Aber losgelassen hat sie mich auch nicht.

Klar war mir, dass Märchen seelische Vorgänge beschreiben.

Welche waren das hier?

Der Tod des Vaters, der ihn mit einem guten Wunsch verlässt, beschreibt einen geglückten Abnabelungsprozess vom Vater. Aber das Bild sagt noch mehr.

Der Vater muss sterben, im übertragen Sinn, er muss in Johannes sterben, damit Johannes frei in sein Leben treten kann, was er dann ja auch (merkwürdigerweise beim lesen) fröhlich tut - jetzt wurde mir klar, woher diese Fröhlichkeit kam. 

Denn das Bild beschreibt auch, dass der Vater Johannes gehen l ä s s t.

Ein Tod ist auch eine Befreiung, wenn er denn den Beteiligten richtig gelingt. Oder anders gesagt, man muss die eigenen Eltern in sich sterben lassen, um frei in die Welt gehen zu können.

Hier kann Johannes jetzt f r e i in die Welt gehen, er hat nichts im Rucksack, was noch unbearbeitet ist in seiner Beziehung zum Vater (zu seinen Eltern, von denen wir alle ja meist ganze Überseekoffer voller ungeklärter Gefühle und Verknotungen mit uns rumschleppen).

Das macht ihn frei und offen und die Natur öffnet sich ihm mit allem was er zum glücklichen Leben braucht (muss man im Original lesen, ich geb hier nur meine Gedanken wieder).

Und weil die Natur alles gibt, was er zu seinem Leben braucht, kann er nun wiederum dem Bettler und dem toten Mann geben, beim letzteren alles was er hat. Johannes macht sich also ganz frei von allem, was in unserer Welt so wichtig ist: Geld.

Und das nun wieder bringt ihm den Reisekemerad.

Plötzlich wurde diese Geschichte für mich richtig spannend.

Tja, was repräsentiert der Reisekamerad?

Eine Interpreationsmöglichkeit ist, dass der Reisekamerad sozusagen das Unbewusste von Johannes repräsentiert, also alles dass, was unserem Bewusstsein nicht unmittelbar zugänglich ist, also ungefähr 95 % unseres seelischen Lebens. Und weil Johannes so frei, so unverstellt und unbefangen ist, findet er Zugang zu dieser inneren Welt von ihm und sie gibt ihm die richtigen Antworten auf die Fragen seines Lebens.

Und so findet Johannes, dieser so friedliche und angenehme Bursche Zugang zu seiner in ihm steckenden und bisher in seinem Leben noch nicht genutzter Aggression und Gewalt, denn die gehören in dieser Geschichte (und für mich auch in dieser Welt) dazu, um sich Prinzessinnen (und anderes) zu erobern - und zwar in gehöriger Menge.

Wie gesagt, Märchen sind für mich Darstellungen innerer seelischer Prozesse, jetzt war die Frage für mich, was repräsentieren die drei Ruten, das Schwert und die zwei Schwanenflügel. Das Schwert ist für mich relativ klar: Gewalt und Aggressivität, wofür es ja auch benutzt wird, dem Zauberer den Kopf abzuschlagen. Auch die Ruten werden in dem Märchen dafür genutzt, die Prinzessin auf dem Fluge zum Zauberer zu verprügeln und die Schwanenflügel werden gebraucht, um die Prinzessin auf dem Weg zu ihrer Verzauberung zu folgen.

Wenn die Prinzessin das innere Bild von Frauen für Johannes darstellt, dann arbeitet er sich in den drei Prüfungen an diesem Bild ab und verändert es in sich: aus der da ganz oben angesiedelten 'Prinzessin', die verzaubert ist und die ihn 'verzaubert', wird die ganz normale aus dem Bad entsteigende Frau, seine 'Prinzessin' die er jetzt als Johannes in die Arme nehmen kann.

Aber dieser Weg ist mit Aggressionen gespickt, die ihn nicht zu einem Boulevardgang machen, er wird von inneren Kämpfen begleitet, die ihm Seiten von ihm zeigen, die bisher unbekannt waren und er wird Vorstellungen in ihm töten, die er vielleicht bisher geliebt hat oder völlig neue in ihm entstehen lassen, er wird aus Johannes einen anderen Menschen machen, einen Johannes, der nicht nur lieb und vertrauenssehlig ist, sondern jemanden, der die Fallstricke des Lebens und der Liebe durchschaut und sich nicht scheut, wo es nicht andes geht, auch Gewalt anzuwenden - was immer das in Beziehungen heissen mag. Zum Beispiel sich von dem inneren Bild von sich selbst als lieben Menschen zu trennen und dazu zu stehen, dass man im Leben nicht nur nett sein kann.

Schildert das nicht einen millionenfach bei uns vorkommenden Prozess, in der der Liebespartner zunächst unerreichbar zur verzauberten Prinzessin oder zum Prinzen wird und dann allmählich und vermutlich nicht ohne Streit, Zerwürfnisse und Verknotungen zum Schluss hoffentlich dem Bad als wundeschöner, aber ganz normaler Mitmensch entsteigt oder aber, wie die vielen Vorgänger von Johannes bezeugen, diesen Weg als Toter verlassen, das heisst die Beziehung vermutlich im Streit beenden (Tod bedeutet hier das Ende der Beziehung)?

Noch ein paar Gedanken zur Gesamtkonstruktion. 

Da wir davon ausgehen, das Märchen innere seelische Prozesse beschreiben, ist die Frage, was der Zauberer bedeutet , in dessen Gewalt sich die Prinzessin befinde.

Der Zauberer hat Macht über die Prinzessin. 

Für mich übersetzt heisst das, Johannes ist von seinem Bild der Prinzessin besetzt. Üblicherweise glorifizieren Liebespartner sich in der Anfangszeit, und so könnte es auch hier sein. Nun bestimmt sein Bild seiner Geliebten über ihn, und dieses Bild hat Gewalt über ihn: der Zauberer. Dieser Zauberer begegnet ihm im Schlaf, dann, wenn in den Träumen das Unterbewusstsein spricht. Das heisst, das Bild der Prinzessin ist ein Bild, das in den Händen des Zauberer liegt, ein Bild einer Frau aus den Tiefen von Johannes Unterbewusstsein, über das er nicht verfügen kann, das aber Macht über Johannes hat und es bedarf aller Anstrengung und einer gehörigen Portion gewaltätiger Energie, sich aus dieser Macht zu befreien.

 

 

Naja, das sind so meine Gedanken hier an Bord wenn es draussen hagelt und schneit.

Aber es bleiben für mich doch noch eine ganze Menge Rätsel in dieser Geschichte.

Als ich gerade diesen Text hier abschliesse, schau ich aus den Bordfenstern und sehen diesen Regenbogen - ein vollständiger Halbkreis - wenn dass keine Symbolik ist.....

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