von Jörg Streese

PIRX. LEM. MOND - und der Flow

PIRX. LEM. MOND - und der Flow

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Published on September 13th, 2018 @ 12:07:00 , using 729 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
PIRX. LEM. MOND - und der Flow
PIRX. LEM. MOND - und der Flow
PIRX. LEM. MOND - und der Flow
PIRX. LEM. MOND - und der Flow

O13.09.2018, Mersrags

Am letzten Samstag hatte ich noch einmal, wohl zum letzten Mal in diesem Jahr, Segel gesetzt - bin  aber kaum aus dem Hafen gekommen. Wenn ich Gas gab, passierte im Grunde genommen gar nichts. Miss Sophie schob mit einem halben Knoten durchs Wasser, wo ich bei 1800 Umdrehungen sonst mit 5 Knoten los schiesse.
Also irgendwas muss da unten nicht in Ordnung sein, aber zu diesen Ueberlegungen hatte ich keine Zeit, denn nun musste ich unter Segel zurueck an die Boje in einem sehr schmalen Hafenbecken und zwischen dicht beieinander liegenden Booten.
Ging aber dann doch eigentlich alles ganz easy - nun ja, dieses Hafenbecken kenne ich ja nun langsam genauso so gut wie meine Hosentasche. 
Die Ursache konnte noch nicht gefunden werden - auf jeden Fall ist es etwas mit der Schraube, denn die Uebertragung auf die Schraubenwelle ist einwandfrei.
Vielleicht der Splint, der die Schraube mit der Welle verbindet. Aber bei meinem letzten Toern von Ruhnu hierher zurueck lief alles problemlos. Und danach habe ich den Motor nicht laufen lassen, also kann sich auch der Splint nicht geloest haben, der sowieso nur durch physische Einwirkung sich loesen kann.
Seltsam. Was fuer Sherlock Holmes.

Diese Monate hier im Hafen haben mir irgendwo richtig gut getan.
Das Nichtstun hat dazu gefuehrt, dass alle Gedanken und Ueberlegungen, die tiefer in mir rumort haben, hier Zeit hatten, sich an die Oberflaeche zu robben - und nun waren sie alle glasklar da.

Die Lithografie, die ich letztes Jahr in Ruhnu auf dem Handwerkermarkt der Dorfbevoelkerung von einer dort lebenden Grafikerin gekauft hatte - jetzt weiss ich, was sie darstellt (siehe Bild oben).
Es ist die Landschaft vor dem Elternhaus von Pirx, dort, wo er viele Jahre gespielt, getraeumt und herum gestreunt ist.

Pirx?

Geschichten vom Piloten Pirx.
Stanislav Lem.
In den 60-ziger Jahren geschrieben, was mich schon sehr frueh zu einem begeisterten Lem-Leser werden liess.
Weltraumabenteuer.

Und als ich Ende der 60-ziger Jahre beim Fernsehen arbeitete, und meine ersten Filme machte, wurde mir immer deutlicher, ich muss eine Pirx-Geschichte verfilmen.
Und immer wieder, seit 50 Jahren, denke ich darueber nach, wie das zu machen ist, mit keinem Budget, keiner Ahnung von Spielfilm-Regie, ja, eigentlich mit garnichts, ausser meiner eigenen Arbeitskraft, meiner Phantasie, meiner bescheidenen Filmtechnik und meiner Begeisterung, wenn ich von einer Sache ueberzeugt bin.

Und jetzt bin ich ueberzeugt. Und begeistert.
Zur Zeit fliege ich in einem Flow.

Ploetzlich weiss ich, warum ich diese Lithografie letztes Jahr gekauft habe (siehe Bild oben).
Es ist die Landschaft vor Pirxs Elternhaus.

Und ploetzlich weiss ich, warum jetzt diese Pirxgeschichte virulent geworden ist.

Ich lebe die letzten Monate in einer aehnlichen Situation wie Pirx in der Forschungsstation auf der erdabgewandten Seite des Mondes, in einer winzigen Kabine, umgeben von Wasser, so dass ich aehnlich wie auf dem Mond, nicht einfach vor die Tuer treten kann, ich lebe hier einsam, aehnlich wie Pirx, nur umgeben von ein paar Buechern und meinen eignen Gedanken und ich lebe hier aehnlich wie Pirx, der eigentlich nicht weiss, was er in dieser Forschungsstation ueberhaupt soll. Also  eine Ziellosigkeit, bei mir wie bei Pirx.

Und wie das so ist, wenn man sich in einem Flow befindet: Alles laeuft wie von selbst.
Ich weiss ploetzlich, wie die Aufnahmen auf dem Mond, sowohl in der Station wie auch auf dem Mond selbst, gemacht werden.

Ganz einfach. Ueberwachungskameras.

Die Mondlandschaft wird ein Steinbruch im Harz sein, bei Nacht (erdabgewandt Seite des Mondes, erhellt durch ein paar LED-Leuchten, die den Weg zum Messgeraet begleiten). Dazu Helmkamera und LED-Leuchte am Helm des Raumanzuges, den man dadurch nur im Anschnitt sieht.

Ich brauche keine Schauspieler, weil im Film kein Wort gesprochen wird und damit auch keine direkte Handlung gefilmt wird. Die Handlung entsteht im Kopf der Zuschauer - ich muss ihr nur das richtige filmische Futter geben.

So, das reicht jetzt erstmal.
Ich hoffe euch Lesern und Leserinnen laeuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen - wenn nicht, dann muesst ihr noch ein wenig warten, weil dies Tagebuch hier in den naechsten Tagen beendet wird.

Trotzdem noch eins.

Seit Jahren ueberlege ich, aus meinem Buero und dem Schnittplatz, also aus den zwei Raeumen einen zu machen und das zweite Zimmer zu vermieten, vor allem waehrend des Sommersemester, wo ich sowieso nicht da bin.

Jetzt ist alles klar.

Ich weiss, ich muss ganz schnell aufraeumen, um Platz in der Wohnung und in meinem Kopf fuer den Film herzustellen.

Also: es tut sich was.

Gerade tobt hier der erste Herbststurm durch den Hafen mit Boen von 8 - 9.

 


                                                                                                                                 

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