von Jörg Streese

Es kommt ein Moment im Leben eines Seemanns... Regentage - Lesetage

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Published on August 21st, 2010 @ 19:10:30 , using 450 Wörter,
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Es kommt ein Moment im Leben eines Seemanns... Regentage - Lesetage

Es regnet schon seit zwei Tagen und ich widme mich dem Buch, das Caro mir geschenkt hat: Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen.

So spannend und so gut geschrieben, dass ich hier einfach bleiben und nur noch lesen möchte.

Es ist die Geschichte der Heimatstadt Marstal dieses dänischen Schriftstellers auf der Insel ÆrØ, die in fiktionalen Geschichten verschiedener Menschen zwischen 1848 und 1945 erzählt wird. Und es ist die Geschichte des wirtschaftlichen Aufschwungs dieser Hafenstadt, die um 1900 die zweitgrößte dänische Schiffsflotte beherbergen wird und von den mutigen Matrosen, Kapitänen und Reedern, die in dieser Stadt leben und teilweise absonderliche Lebenswege gehen.Von ihren Träumen erzählt er in einer hinreissenden Sprache und der Frage, die immer neugierig im Hintergrund virulent bleibt: was ist das, ein menschliches Leben?

Und die Frage, wie die Seekarte aussehen muss, nach der man ein Leben durch die Riffe, Untiefen, Stürme, Kalmen und Meere steuert, dass weder die Gewalt, die diesem Leben zusetzt, zu gefühlloser Gegengewalt werden lässt, noch sich den Dingen einfach zu fügen, sondern die Dinge des Lebens so zu nehmen wie sie sind: "So ist es einfach" und trotzdem sein eigenes Ding zu machen. "Er lehrte uns diese große, allumfassende Akzeptanz. Er ließ die Umstände des Lebens direkt zu uns sprechen. Das Meer nimmt uns, aber es hat uns nichts zu erzählen, wenn es sich über unseren Köpfen schließt und die Lungen füllt." Denn erzählen könnnen nur wir Menschen - und uns dabei über die wesentlichen Dinge des Lebens verständigen.

Und er hat eine Begabung, dramatische Situationen zu poetisieren:


„ Es kommt ein Moment im Leben eines Seemanns, dachte ich, an der er auf Festem Grund und Boden nicht mehr länger zu Hause ist; und dann ergibt er sich dem Stillen Ozean, auf dem kein Land das Auge bremst, wo Himmel und Meer sich ineinander spiegeln, bis oben und unten ihre Bedeutung verlieren und die Milchstraße aussieht wie der Schaum einer sich brechenden Welle, wo der Erdball wie ein Schiff inmitten der fallenden und steigenden Brandung des Sternenhimmels rollt und die Sonne nur noch ein kleiner glühender Punkt im Meeresleuchten der nächtlichen See ist.

(…)

Ich erinnerte mich an einen Sommerabend zu Hause am Strand. Der Wind hatte sich gelegt, und das Wasser war ganz ruhig. In der Dämmerung nahm das Meer und der Himmel die gleiche veilchenblaue Farbe an, und der Horizont verschmolz. Der Strand blieb der einzige Halt für die Augen, und es schien, als wäre der weiße Sand der äußerste Rand der Erde. Genau auf der anderen Seite begann der endlose blaue Himmelsraum. Ich zog mich aus. Als ich den ersten Zug tat, war es, als würde ich hinaus ins Universum schwimmen.

In dieser Nacht auf dem Stillen Ozean hatte ich das gleiche Gefühl.“


Unbedingt lesen.

 

Szczecin

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Published on August 15th, 2010 @ 15:14:32 , using 359 Wörter,
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Szczecin
Szczecin
Szczecin

 

Szczecin


Natürlich war dies ein ganz besonderer Sonntag, den ich in Stettin verbrachte: ein Feiertag, an dem alles zu ist, einschließlich Museen und sogar die Touristeninformation am Hauptbahnhof war geschlossen. Ein Wunder, dass Züge und die Strassenbahn fuhren.

Meine Suche nach einem Internetcafé schlug fehl. Wohl auch an meiner mangelnen Verständigungsmöglichkeit, aber manchmal auch an einer ausgesprochenen Unfreundlichkeit einiger Polen: Manche hat der Sozialismus wohl so kaputt gemacht, dass sie in jedem Kunden einen möglichen Feind sehen, der ihnen das wegnehmen will, was sie eigentlich verkaufen sollten. Das ist nicht gegen mich gerichtet, sondern sie sind einfach so, wie bei uns auch manche Menschen schlicht und einfach nicht freundlich sein koennen.

Die Stadt ist recht groß, ca. 400.000 Einwohner; schöne alte, etwas heruntergekommene Bausubstanz der Jahrhundertwende und dazwischen ausgesprochen gelungene Neubauten – die Häßlichkeit deutscher Neue-Heimat-Architektur habe ich hier nicht finden können.

Als ich letztlich den Stadtkern zweimal durchquert hatte, ging ich in eines der wenigen Restaurants, die geöffnet hatten, das mit der besten polnischen Küche warb und das war der Volltreffer: Ente in Backplaumen eingebacken mit Kräuterkartoffeln und einem Salat und einem großen Bier für umgerechnet 9 EUR. Das Bild zeigt noch das Bier und den kleinen Garten, in dem ich gegessen habe. Leider habe ich mir weder den Namen des Lokals noch die Strasse gemerkt, so dass ich es wohl nicht wieder finden werde, denn morgen muss ich noch einmal versuche, ins Internet zu kommen. (Hab ich dann am Dienstag doch wiedergefunden, in dem ich mich schlicht und einfach meiner Intuition gefolgt bin: KUZNIA in der Slaska.)

Heute in einer kleinen Computerfirma habe ich die andere sehr freundliche Seite der Polen kennen gelernt. Ich schilderte ihnen mein Problem mit der W-LAN-Einwahl meines laptops und ein paar klicks und es funktionierte wieder. Was es kostern wuerde. Sie lachten einfach nur und ich ging beglueckt von dannen.

Meine Segel heute morgen, nach dem ich mich in den Akademischen Segelclub verholt habe, zur dort ansaessigen Segelmacherin gebracht: Grosssegel und Fock, beide muessen repariert werden. Morgen ist alles fertig.

War wohl erst mal mein letzter blog aus Polen, denn internetcafes gibt es hier nicht viele und in den kleinen Fischerdoerfern erst recht nicht.

SJM Szczecin

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Published on August 14th, 2010 @ 14:50:16 , using 223 Wörter,
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SJM Szczecin
SJM Szczecin

 

In der Nacht regnet es.

Als ich um 07:30 wach werde, regnet es und ich verziehe mich mit dem von Lothar geschenkten Buch wieder in die Koje zurück: „Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen“, von Steffen Möller, ein Kabaretist, der seine Liebe zu Polen durch Zufall entdeckt hat, polnisch lernte, Deutsch in Polen unterrichtet und schon bald einer der beliebtesten Darsteller einer sehr erfolgreichen Fernsehserie im polnischen Fernsehen ist. Sozusagen als Einstimmung auf das, was mich in Polen erwartet.


Und so beschreibt er eine der Eigenarten dieses Landes.

„Was sich auf Hochzeiten bewährt, funktioniert auch auf Ämtern oder in der Politik. Heute weiß ich, dass man in Polen alles widerrufen, ändern, verschieben oder absagen kann. Sogar Zeugenaussagen vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss lassen sich neu bewerten, wenn den Zeugen in der Zwischenzeit eine bislang völlig verdrängte Erinnerung heimsucht. Nichts ist entgültig, immer findet sich irgendwo ein Hintertürchen. Generell gilt das Gesetz: Jeder hat das Recht auf eine fünfte Chance.(...) Trotzdem sehe ich insgesamt größere Vor- als Nachteile. Das polnische Modell ist menschlicher.“


Nach der Hälfte des Buches regnet es immer noch.


Mein Besuch der Stadt Stettin fällt heute flach. Denn auch am Nachmittag regnet es. Und damit auch die Möglichkeit, in einem Internet-Café einen neuen Blog zu schreiben.


Erst gegen Abend kommt zaghaft die Sonne durch.


Es gibt die Reste von Gestern

 

Die Oder rauf nach Szszecin

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Published on August 13th, 2010 @ 14:45:48 , using 412 Wörter,
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Die Oder rauf nach Szszecin
Die Oder rauf nach Szszecin
Die Oder rauf nach Szszecin
Die Oder rauf nach Szszecin
Die Oder rauf nach Szszecin

 

Szczecin (Stettin) liegt 20 Seemeilen Oder-Aufwärts von der Odermündung ins Stettiner Haff, dort, wo mein jetziger Liegeplatz in Ziegenort ist. Bei dem N 2-4 sind das segelnd bei 1,5 bis 3 Knoten rund 10 Stunden. Also los.


Einlaufend Backbord ist das Ufer mit urwaldähnlichem Schilf-, Strauch- und Baumbewuchs versehen, steuerbordseitig beginnt schon sehr bald das Industriegebiet von Stettin längsseitig der Oder, mit einem Stahlwerk, Werften, Schrottplätzen, Krananlagen und dann tut sich irgendwann nach Stunden gemächlichen dahingleitens Stettin mit der imposanten Werft im Vordergrund und der dahinter liegenden Altstadt auf.


Als ich auf dem Weg dortin einem aufkommenden Frachter in dem dort sehr engen Fahrwasser sofort aus dem Weg segelte, tritt der Kapitän, als das Schiff neben mir war, aus der Tür auf den steuerbordigen Steuerstand und hob als Gruß und Dank seinen Arm. Das fand ich eine bemerkenswerte Reaktion – nicht sehr üblich in der Berufsschiffahrt.


Ganz anders indessen ein schwedischer Segler, der, anscheinend mit Motorschaden von einem polnischen Segler in den Oderteil geschleppt wurde, ab wo die Oder dann breit und zum Aufkreuzen geeignet ist, auf mich zukam, keinerlei Anstrengungen unternahm, mich, lediglich mit Fock auf ihn zusegelnd und damit nur beschränkt manöverierfähig, aus dem Weg zu gehen, was er mit einer kleinen Korrektur seines Ruders hätte bewerkstelligen können und ich in einem Manöver des letzten Augenblicks einer Kollosion aus dem Weg gehen musste – und einige sehr unschöne Worte wechselten von Bord zu Bord.


Schon auf der Höhe der rechtsseitigen Industriegebiete sah ich dann einen Seeadler hinter mir segelnd und als er vor mir sich in die Krone eines Baumes niederließ, konnte ich ihn fotografieren – allerdings nur mit dem digitalen Zoom, was das Bild sehr unscharf werden lässt – aber immerhin.


Als ich dann endlich um 20:00 Uhr im Yachthafen SJM im Dabie Male an einer Heckboje festmache, unterschätze ich zweimal die dafür erforderliche Heckleinenlänge und kann erst mit dem dritten Anlauf und einer 25 Meter langen Leine an der Kaje vorne festmachen.


Kurz darauf beginnt es zu regnen und sollte erst nach 24 Stunden wieder aufhören.


Es gibt, weil ich nach dieser langen Tour an der Pinne und der dazu gehörigen Aufmerksamkeit in diesem industriell sehr genutzten Oderabschnitt und dem komplizierten Weg zu dieser Marina durch diverse nach links und rechts abbiegende Seitenkanäle, ein nicht sehr kreatives zu Essen: Tortiglioni mit Tomaten, Zwiebeln, Knofi, Pilzen, Speck und Parmesamkäse – dazu natürlich der obligatorische Rotwein.


Draussen pladdert der Regen auf das Kajütdach von MISS SOPHIE.


Hier unten in der Kajüte ist es warm und trocken.

 

Mówiê tylko troche polski

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Published on August 13th, 2010 @ 14:31:53 , using 439 Wörter,
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Mówiê tylko troche polski
Mówiê tylko troche polski
Mówiê tylko troche polski
Mówiê tylko troche polski
Mówiê tylko troche polski

 

On the way: Mówiê tylko troche polski


11:05 höre ich noch einmal den Wetterbericht: NE bis E 3 – 4, also Stettin.

Mit 150 Grad am Kompass sause ich los, der gleichmäßige E zieht MISS SOPHIE mit 4 Knoten durchs Haff-Wasser und hoch am Wind steuert sie sich selbst. Der Kurs führt mich nah an das gegenüberliegende Ufer zur Odermündung ins Haff.


13:00 überquere ich die deutsch-polnische Grenze.

Und jetzt muss ich aufpassen, denn die hier aufgestellten Stellnetze ragen bis zu 3 Seemeilen ins Haff – und da habe ich auch schon eine endlos lange Kette von Pfählen im Wasser vor mir, dass ich einen Scghlag nach See machen muss. Nachts ist hier nur das Segeln entlang der betonnten Seeschiffahrtsstraßen möglich.


Dann dreht der Wind auf ENE und ich kann die Höhe besser halten, wird aber schwächer und bleibt bei 3 stabil.


Am Himmel wächst an Backbord ein Gewitter hoch.


18:00 bin ich in Trzebiez (Ziegenort) fest. Ich versuche noch in der örtlichen Fischgenossenschaft Fisch zu kaufen, was mir auch gelingt, allerdings kann ich mich zwischen den Fischen nicht entscheiden, weil ich nicht weiß, was es für Fische sind und wie man sie macht: Kochen, Dünsten oder Braten? Ich entscheide mich letztlich nach der Größe, denn die meisten sind einen halben Meter oder länger und ziehe mit drei kleinen Fischen nach Hause, die mir der Fischer schenkt – ich bedanke mich mit einer großzügigen Spende für die Kaffeekasse.


Auf dem Rückweg dann fallen schon die ersten Tropfen und als ich auf MISS SOPHIE springe, geht es los: Ich schaffe es gerade noch, die Steckschotten einzustecken, als die Hölle losbricht und eimerweise Wasser über das Schiff auskippt.


Tja, jetzt hatte ich die Fische und dachte, ich versuche mal mit meinem Fischbuch (Haftmann: Fisch frisch an Bord) herauszubekommen, was ich da gefangen habe. War aber nicht dabei. Jetzt mussten sie ausgenommen werden. Abver auch darüber ließ sich Haftmann nicht aus.

Gut, das ich damals an einem VHS-Kurs: „So operieren sie sicher daheim“ teilgenommen hatte und mich erinnerte, erstens: Messer scharf schleifen und dann mit einem beherzten Schnitt in den Bauch die Eingeweide freilegen. Gesagt, getan.


Dann die Fische schön saubermachen, entschuppen, säuern und danach einsalzen.


Draussen plattert es immer noch wie verrückt.


Ich dachte mir, ich mache die Fische so, wie ich sie immer mache: Drei Zwiebeln kleinscneiden und in Öl in der Pfanne glasig werden lassen und auf diesem Bett die Fische legen, Deckel drauf und schmoren lassen.


Sie waren lecker, hatten aber viele Gräten. Dazu hatte ich noch eine Kartoffel von gestern und zwei Tomaten.


Draußen regnet es immer noch.

Mit dem Studium der nächsten Törnziele in Polen gehe ich um 01:00 ins Bett.


Draußen regnet es.

 

kein Kommentar

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Published on August 16th, 2010 @ 13:54:52 , using 10 Wörter,
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kein Kommentar
kein Kommentar

sich abfinden

und gelegentlich auf Wasser sehen

 

Gottfried Benn

Flaute und die Sonnenseite des Lebens

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Published on August 10th, 2010 @ 15:45:11 , using 542 Wörter,
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Flaute und die Sonnenseite des Lebens
Flaute und die Sonnenseite des Lebens
Flaute und die Sonnenseite des Lebens
Flaute und die Sonnenseite des Lebens
Flaute und die Sonnenseite des Lebens
Flaute und die Sonnenseite des Lebens
Flaute und die Sonnenseite des Lebens
Flaute und die Sonnenseite des Lebens

Caro ist früh wach und springt für ein paar Züge in die erfrischend kühle Ostsee. Der von Millionen Algenpartikeln grün gefärbte Bikini musste anschließend einer gründlichen Wäsche unterzogen werden. Das alles, während der Skipper noch schläft, weil er bis morgens um 4 an seinen Mails gearbeitet und Wein getrunken hatte.

Aber wir wollte ja nach Polen und sind dann auch nach einem ausgiebigen Frühstück ausgelaufen. Wir hatte kaum den Motor aus (zum Auslaufen aus einem Hafen bedarf es dieses Hilfsmittels) als wir in einer Flaute steckten. Mitten auf dem Stettiner Haff lehrte uns das Leben dann seine hängemattige Seite. Wir überließen uns der Ruhe der spiegelglatten See. Ein Kohlweißling schaute vorbei. Ein über uns hinweg ziehender Schwarm Wildgänse ließ sich mit dem Feldstecher beobachten. Zwei Ausflugsdampfer hörten wir sich grüßen, mit trötenden Tonfolgen, die billigen Handymelodien glichen.

Wir genossen es, mitten im Nichts nichts zu tun. Wir spielen Filmekette. Der letzte Buchstabe eines Filmtitels bildet den ersten Buchstaben eines neuen Titels. Aufgegeben haben wir irgendwann als zum hundert und ersten Mal der Buchstabe N auftauchte und wir wirklich keinen Einfälle mehr hatten (noch jemand 'ne Idee?).

Nach zwei Stunden rumdümpeln, jenen oben schon erwähnten tausend Filmtiteln, diversen Flaschen Sonnenmilch, stellte sich langsam die Frage, wo es heute noch hingehen soll. Wir griffen zu den in der Bordbibliothek vorhandenen Hilfsmitteln. Swinemünde wäre ein schönes Ziel. Bei den Windverhältnissen – mal kein Wind, mal Wind aus Ost, mal aus Nord, mal aus West – lag jedoch Kamminke im doppelten Wortsinne näher.

Als wir James aufforderten seine Arbeit zu tun, kräuselte sich plötzlich vor uns das Wasser, wir spürten Wind von Steuerbord auf unserer Haut, die Segel blähten sich und schon zog Miss Sophie mit sechs Knoten auf und davon. Nur leider nicht ganz in unsere angestrebte Richtung. Als wir dem Festland von Usedom so nah waren, dass unter dem Kiel von Miss Sophie nur noch ein Meter Wasser war, mussten wir anfangen zu kreuzen. Aber es war herrliches Segeln und Caro übte, das Schiff zentimetergenau hoch an den Wind zu legen.

Zum guten Schluss zeigte Jörg Caro noch, was zu tun ist, wenn er über Bord geht: Wende fahren bis zur backstehenden Fock, Großschott loswerfen, Pinne parallel zum Vorsegel belegen und warten, ob der (der Schwimmkunst nicht mächtige) Skipper es bis zum Schiff schafft. Mit diesem Wissen kann Caro jetzt beruhigt nach Hause entlassen werden: denn der nächste Segeltörn kommt bestimmt.

Im rustikalen Hafen des kleinen Fischerörtchens Kamminke warteten in der örtlichen Fischräucherei am Hafen schon einige kleine Delikatessen auf uns, die wir zusammen mit ein paar Bierchen verputzten (Seelachs und Makrele, beides geräuchert und reichlich, mit Kartoffelsalat). Der geplante Besuch eines Kriegsgefallenendenkmals auf einem ca. zwei Kilometer entfernten Hügel musste wegen extremen Mückenangriffen und angesichts der fortgeschrittenen Stunde aufgegeben werden.

Die Milchstraße, Vega, Deneb, Atair, Nordstern, Mars, Schwan, großer Wagen, kleiner Wagen, Leier... trotz Wolkenschleier am Horizont um uns herum, war die ganze Mitte des Himmels sternenklar. Liebend gern würden wir jetzt auch noch von einer durchsausenden Sternschnuppe erzählen. Es war aber keine da. Bis Donnerstag soll die Wahrscheinlichkeit, Sternschuppen zu sehen noch zunehmen. Vielleicht wird’s noch was.

Der am Abend aufkommende Wind, der in den Hafen steht, erzeugt einen deutlichen Wellengang, der Caros Koje im Bug Höhensprünge von einem halben Meter machen lässt.

Seeadler und das Lesen von Öffnungszeiten

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Published on August 10th, 2010 @ 02:23:30 , using 343 Wörter,
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Seeadler und das Lesen von Öffnungszeiten
Seeadler und das Lesen von Öffnungszeiten
Seeadler und das Lesen von Öffnungszeiten

Trotz nächtlicher Ausdehnung standen wir morgens um 07:00 auf, um um 12:45 die Zecherin-Brücke passieren zu können.

Wir hatten Süd-Ost 4-5 und konnten gerade unsere Kurslinie halten und durchflügten heiteren Sinnes dieses Teil des Boddens, denn es war trocken, der Wind war mehr oder weniger warm, wir verstanden uns gut und es versprach ein angenehmer Tag zu werden.

Irgendwann begannen um uns herum diverse Boote unter Vollschub gen Brücke zu rasen , während wir geruhsam unter Segeln diesem Ort zustrebten.

Dann merkte ich, dass die Brücke schon geöffnet hatte: um 11:45, aber immer noch dachte ich nichts Böses.

Jetzt begriff ich: Die Öffnungszeit war 11:45 - ich hatte die Brückenöffnungszeiten der falschen Brücke nachgeschaut.

Das war sehr blöd, denn wir hatten vor, an diesem Tag bis nach Swinemünde (Polen) zu kommen, was aber nur unter der Vorgabe dieser Brückenöffnungszeit möglich gewesen wäre.

Das hieß: bis 16:45 warten. Ankern.

Machten wir auch und Caro kochte ein wunderbares Essen (Kartoffeln und  Blumenkohl, Zucchini, Zwiebeln und Karotten-Gemüse) und während sie das machte, entdeckte ich am Himmel einen Seeadler: mächtige fast rechteckige Flügel-Schwingen mit am Ende in einzelne Federn ausendende Flügelenden und konnte ihn dann auch noch beobachten, wie er auf den Baum zu seiner Partnerin flog: ein Riesenteil, Spannweite  eineinhalb Meter - und so klar und nah im Feldstecher - ein atemberaubender Anblick und holte natürlich auch Caro zu diesem Ereignis, die widerwillig ihre Kochtätigkeit aufgab.

Und das alles nur, weil ich die falsche Öffnungszeit gelesen hatte.

Einen Seeadler!!!

Wunderbar.So ist das Leben.

Danach dann ein wunderschönes Segeln von der Zecherinbrücke bis nach Mönkebude unter dem abendlich sich langsamend verdunkelnden Himmel, einem spitz von vorn kommenden Wind von 4-5, der MISS SOPHIE auf 6 Knoten brachte und einer immer wieder warm auf uns herunter schauenden Sonne, die sich manchmal sehr theatralisch hinter riesigen dunklen Wolkenbänken inszenierte: Davor ein Zeesboot mit braunen Segeln.

Und in Mönkebude bekamen wir auch noch die letzte freie Box.

Ein guter Tag. Und Caro kann jetzt alle seglerisch wichtigen Handhabungen: Segel setzen, Segel runterholen, Reffen, Anlegen, Seekarte lesen, Steuern, Palsteg (blind), und das Wetter erklärt inzwischen  s i e  mir.

02:30 Schlafen gehen


 

 

Kleines Schreibgespräch beim Regen

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Published on August 9th, 2010 @ 01:08:39 , using 1071 Wörter,
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Kleines Schreibgespräch beim Regen

Es regnet.

Wir gingen um 03:30 zu Bette.

Morgens um 07:45 piept mein Wecker: Seewetterbericht. Ich drehe mich auf die andere Seite, will weiterschlafen.

Es regnet. Als wir aus unseren Träumen krabbelten, war es 11:30. Es regnet immer noch. Tja, dann wird das wohl nichts mit unserem Fahrradausflug nach dem 5 Km entfernten Zinnowitz. Und was machen wir jetzt?

Duschen, draußen regnet es, der Weg zum Duschen kostet Überwindung, denn der Bootssteg ist 50 Meter lang und es regnet.

Langes Frühstück.

Kleines Schreibgespräch

J: Wie geht’s dir denn heute, nach deinem ersten Segeltag gestern, der ja nicht ganz ohne war?

C: Der war nicht ganz ohne? Ich fand den eigentlich ganz gechillt.

J: Und als du die Fock hochgezogen hast und sie dir um die Ohren schlug, war das nicht irgendwie bedrohlich für dich?

C: Das war aufregend, aber bedrohlich eher nicht. Bedrohlich finde ich (ganz subjektiv) jedes Mal den Schritt aufs Boot vom Boot herunter auf den Steg.

J: Du scheinst ein ziemliches Vertrauen in die Segelei zu haben, denn das alles ist doch völlig neu für dich und „unbegreiflich“ und unerwartet und voller rätselhafter Vorgänge????

C: Ja, alles ist neu, aber neu heißt ja nicht gleichzeitig bedrohlich. Natürlich ist es das potentiell. In die Segelei selbst habe ich wohl auch eher weniger Vertrauen. Ich kenne sie ja kaum. Dafür bin ich um so zuversichtlicher, dass du uns schon sicher wieder ans Festland bringst mit all deinen Erfahrungen.

J: Mhhmmmm, ja Danke, es gab aber eine Situation, wo du anscheinend aufgeregter warst: als du auf das fremde Segelboot zusteuern solltest, das in Richtung Hafeneinfahrt uns entgegen kam.

C: Ja klar. Du warst unter Deck und ich kenne die Regeln auf dem Wasser noch nicht. Wer weicht wann warum wem aus? Auch die Entfernungen und Geschwindigkeiten zu schätzen ist nicht so einfach. Das war mir also in dem Moment zu viel Verantwortung.

J: Ja. OK. Ansonsten muss ich sagen, dass du alles derart cool und unaufgeregt gemacht hast, dass mich das wirklich erstaunt hat. Das habe ich selten an Bord erlebt. Meistens waren die Menschen davon so angestrengt alles richtig zu machen, dass man ihnen die Anstrengung physisch ansah.

C: Naja, es war doch aber gestern wirklich ganz ruhig. Kein Sturm, nur eine relativ kurzer Trip. Das sind doch herrliche Startbedingungen. Heute gab's dann direkt viel Zeit zum Ausruhen und Kaffeetrinken und Süßigkeiten essen (ich plündere Jörgs Vorräte). Hey Letzteres ist vielleicht doch 'ne physische Auswirkung ;).

J: OK, Sturm war nicht, aber in dem Wind war ne ganze Menge Kraft. Wenn die Fock mit der Zweigangwinsch nur unter Aufbietung aller Kräfte dichtzuholen ist, und MISS SOPHIE mit ihren 5 Tonnen auf 6 Kn bringt, dann ist da ne Menge Power in dem Wind gewesen – deshalb meinte ich, das war ja durchaus am Anfang nicht ganz ohne.

C: Ich dachte mir ganz einfach: Das ist Segeln. Da ist der Wind. Hier ist unser Segel. Da ist Kraft. Das Boot kann nicht umkippen (das musste ich mir mehrmals ganz, ganz klar sagen) und es kann nix passieren.

J: SUPER. So hätte ich mir gerne meinen Einstieg in die Segelei auch gewünscht, aber mir hat man derart viel Angst vor dem Wasser und der Seefahrt von zu Hause aus mitgegeben, dass ich viele, viele Jahre immer nur mit Angst ausgelaufen bin.

C: Und wie war dein erstes Mal Segeln?

J: So, wie ich es von den vielen anderen gerade beschrieben habe: ich wollte von Anfang an alles richtig machen und stand richtig unter Strom: Ich wollte ein richtig guter, souveräner, erfahrener Seemann werden und durfte das nicht (von zu Hause). Ich war im Konflikt mit meinen Selbstbild.

C: Da hat sich über die Jahre hinweg einiges geändert bei dir.

J: Und was?

C: Na, wenn du übermäßig unsicher wärst, würdest du keine Gäste an Bord empfangen, die es gilt, wieder heil ans Ufer zu bringen. Da spielen doch all deine Erfahrungen über die Jahre hinweg sicher eine bedeutende Rolle.

J: Nein, es geht da um einen anderen Punkt: Nämlich um die Frage, ob man sich seiner eigenen Erfahrungen sicher ist, oder ob man die eigenen Erfahrungen garnicht als zu sich gehörig empfindet und von sich abspaltet; so in dem Sinne, was nicht sein darf, kann nicht sein. Und wenn ich von zu Hause aus eingeimpft bekommen habe, dass das Wasser tötlich ist, dann dürfen meine durchaus guten Erfahrungen mit dem Segeln auf dem tötlichen Wasser nicht sein. Diese Erfahrungen werden dann von mir nicht als eigene, zu mir gehörige, von mir selbst gemachte Erfahrungen erlebt, sondern als etwas Fremdes, nicht zu mir Gehörendes.

C: Dieses Phänomen kann ich nachvollziehen. Wie kommt es dann aber, dass du es verantworten kannst, Unerfahrene mitzunehmen? Anscheinend gehst du davon aus, dass alles gut verläuft und du sogar noch einen Blick auf eine Lernende/ einen Lernenden haben kannst, wie ein Fahrlehrer im Auto, der immer doppelt schauen muss.

J: Ich habe ja von meinen Anfängen des Segelns gesprochen, aber durchaus auch von sehr viel späteren Jahren. Aber wenn ich auf etwas stolz bin, dann nicht auf meine Uni-Examen, nicht auf meine Filme, nicht auf meine Preise, sondern darauf, dass ich nach dreißig Jahren auf dem Wasser den Punkt erreicht habe, dass ich mich nirgendwo anders so sicherer fühle, wie auf meinem Segelboot auf dem Wasser; dass ich meine eigene Geschichte an diesem Punkt in die andere Richtung bringen konnte, dass ich aus der Geschichte meiner (Eltern-)Familie an diesem Punkt ausgestiegen bin und meine eigene Geschichte begonnen habe: Seemann werden. Das war harte Arbeit. Und nun bin ich stolz drauf. Und ich glaube, dieses Gefühl hast du gespürt: dass dir an meiner Seite auf MISS SOPHIE nichts passieren kann.

C: Ja, das kann gut sein. Davon bin ich ausgegangen, als ich an Bord gekommen bin. Nur den Schritt auf das Schiff und wieder herunter – den muss ich immer allein machen, weshalb es wohl der schwierigste Part ist. So jetzt reichts aber mit dem pathetischen Ausflug. Was haben wir heute eigentlich gemacht?

J: Wir haben einen ausführlichen Gang durch die Weltgeschichte unternommen: was erinnern wir mit jeweiligen Jahreszahlen an geschichtlichen Ereignissen und haben uns so von 1871 und Bismark bis zu den Phöniziern durchgearbeitet und danach von 1871 bis zur Wende 1989. Zunächst allein mit Hilfe unseres sehr löcherigen Gedächnisses und dann nochmal gegengelesen bei dem Herrn Henrik van Loon („Geschichte der Menschheit“, kleines Geschenk an Caro aus der Bordbibliothek der MISS SOPHIE).

Es regnet immernoch.

Salat. Spaghetti mit Tomatensauce und Kräutern und Parmesan und Rotwein.

Draußen regnet es.

sonne, wind und regen

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Published on August 8th, 2010 @ 01:36:20 , using 587 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
sonne, wind und regen
sonne, wind und regen
sonne, wind und regen
sonne, wind und regen

Diese Zeilen stammen ausnahmsweise nicht von Jörg, sondern von mir (Caro), weil Jörg mich angesichts meiner ersten Segelerfahrungen, die ich heute sammeln durfte, zur zeitweiligen freundschaftlichen Übernahme seines Blogs zwingt ;). Und auf meinen Einwand hin, dass ich gar nicht weiß, was ich schreiben soll, entgegnete er nur: Das weiß ich auch nie...

Jörg meint, dass es ihn mit einem unbändigen Stolz erfüllt, wenn er nur mithilfe der elementaren Kraft des Windes ein Fünf-Tonnen-Schiff fortbewegt. Ob ich das auch so empfunden habe, fragt er mich rückblickend. Nein, eigentlich nicht. Warum nicht?! Zum Einen war ich während des Segelns mit meinen Aufgaben heute voll beschäftigt, sodass ich relativ wenig Zeit an philosophische Gedanken jedweder Art verschwenden konnte. Zum Anderen fühlte es sich trotz Unsicherheit irgendwie ganz vertraut und selbstverständlich an. Dass es sich um fünf Tonnen handelt, war in dem Moment unbedeutend. Kein Stolz also, nur Konzentration und ein wenig Zufriedenheit, wenn ein Manöver gelungen ist. Aber auch nur etwas, denn der Prozess des Lernens hat gerade erst begonnen und ich freue mich eher darauf, mehr und mehr zu lernen und zu können, als dass ich mich jetzt schon zufrieden geben könnte.

Eine kleine Analogie: Fährt man eine Wende, wechselt das Segel von der einen auf die andere Seite des Boots. Nach einer ganz kurzen Phase des Flatterns, in der die Schot (das Seil) auf der einen Seite los gemacht und auf der anderen Seite noch ohne jeglichen Widerstand herangezogen wird, bekommt man das Segel irgendwann spürbar zu fassen. Der Wind bläht es jetzt auf und es ist an dir, deine Kraft gegen die Kraft des Windes zu setzen, bzw. durch deine Kraft die Kraft des Windes zu nutzen. Es gilt, die Schot mitsamt dem Segel rasch straff zu ziehen, sodass Segel und Wind optimal arbeiten können. Man könnte jetzt sagen, als Jörg mir vom Segeln erzählte, setzte bei mir so eine Art Flattern ein. Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich die ganze Angelegenheit in meinen eigenen Händen spüre. Aber die Arbeit, das Heranziehen, ist noch nicht erfolgt. Das kommt erst noch. Und folglich freue ich mich auf Lernen und Arbeit und hoffe, dass ich alles Notwendige schnell begreife.

Obligatorisch, jetzt aber noch einige Infos zum Tag:

Wir haben etwas länger geschlafen und sind nach einer kleinen Einführung für mich um 12:50 Uhr durch die Wolgaster Klappbrücke nach Krummin gesegelt. Um 15 Uhr kamen wir an. Nachdem unsere Nachbarn im Hafen den fünften Eimer Wasser aus ihrem Boot geschippt hatten, fragten wir dann doch mal nach, was sie da eigentlich tun. "Ja, wir verstehen das auch nicht. Das Wasser sollte eigentlich nur draußen sein", bekamen wir zu hören. Nach dieser lustigen Begegnung und einem späten Mittagessen (Reste von gestern) erkundeten wir den Ort, der früher mal ein Kloster und ein Gut sein Eigen nennen konnte. In der alten, schlicht renovierten Kirche spielte ein Mann Orgel. Im Café Naschkatze gab's Stachelbeerbaiser-Kuchen und Gespräche über's Wetter. Zurück auf dem Boot ging es erst um Börsenmakler, das menschliche Belohnungssystem und all die gesellschaftlichen und individuellen Probleme, auf die man von so einem Thema her zwangsläufig kommt, bevor ich Jörg zum Stadt-Land-Fluss-Spielen überreden konnte. Zum abendlichen Wein aßen wir etwas Käse bis wir begannen, die Fotos vom Tag durchzuschauen, Jörgs Laptop-Chaos zumindest etwas in Ordnung zu bringen und den Blog zu schreiben.

Ich weiß jetzt übrigens, weshalb Piraten Tücher um den Kopf tragen! Die Haare sind schlicht und einfach störend bei all dem Wind. Und so ein Tuch ist genial, um sie sich vom Leib, naja, ich meine vom Gesicht fern zu halten... ;)

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