von Jörg Streese

Wie die Polen ticken

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Published on Juni 24th, 2011 @ 21:45:21 , using 336 Wörter,
Veröffentlicht in Tagebuch der Miss Sophie
Wie die Polen ticken
Wie die Polen ticken
Wie die Polen ticken

 


 

Wie die Polen ticken


Wenn man in einem fremden Land ist, dann muss man erst mal begreifen, wie die Menschen dort ticken, denn sonst kommt man zu völlig falschen Schlüssen.

Ich werde jetzt einfach mal ein paar Beobachtungen hier notieren, vor allem für mich selbst, denn die Tage in Polen nähern sich dem Ende und dann ist alles schnell vergessen.


Ihre Einstellung zur Arbeit ist sehr gesund: wenn es nichts zu tun gibt, wie für diese junge Frau, die die Bar auf dem Gelände der ehemaligen Leninwerft betreut und z.Z. alle Gäste zufrieden vor ihren Getränken sitzen, dann tut man auch nichts und ruht sich aus.


Für viele polnische Männer sind Autos nicht zum fahren da sondern zum protzen.

Deshalb lieben sie Autos mit superbreiten Reifen und hochgelegten Achsen, die für riesige amerikanische Ranches gebaut werden und mit denen sie am liebsten durch die Städte brettern. Denn der Pole lebt in der Öffentlichkeit. Dort zeigt er sich. So wie oben – wenn möglich.

Aus den Warmwasserhähnen der Polen kommt grundsätzlich kochendes Wasser. ACHTUNG. Verbrühungsgefahr.

Die Röcke vieler junger Polinnen sind derart kurz, dass es kaum möglich scheint, darunter noch einen Slip zu tragen.

In der polnischen Küche sind die Salatbeigaben grundsätzlich frisch gemacht: also die Karotte und der Kohlrabi wurde für meinen Teller frisch geraspelt – und zwar selbst bei dem billigsten Imbiss.

Und die Polen lesen.

Alle jungen Mädchen, die hinter den hunderten von kleinen Buden, Eiswagen und Souveniertischen stehen, haben ein Buch in der Hand. Und auch unser Wachdienst in der Marina hat grundsätzlich ein Buch auf dem Tisch, in dem er liest.

Das Schönheitsideal vieler junger polnischer Männer sieht anscheinend so aus: breitschultrig, glatzköpfig und stiernackig - so laufen zumindest die meisten von ihnen rum - dazu die Radrennfahrer-Sonnenbrille mit dem Arnold Schwarzenegger Terminator-Blick.

Aber die polnischen Männer sind unglaublich kinderlieb. Noch nie habe ich so viele polnische Männer hingebungsvoll mit ihren Kleinkindern in Sandkisten, Spielplätzen und sonstigen Anlagen gesehen, wie in Polen . Und zwar stundenlang.

Ich schildere nur, was ich sehe.

 

Der Zusammenbruch des Kommunismus begann mit Lenin in Gdansk

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Published on Juni 26th, 2011 @ 21:40:07 , using 788 Wörter,
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Der Zusammenbruch des Kommunismus begann mit Lenin in Gdansk
Der Zusammenbruch des Kommunismus begann mit Lenin in Gdansk
Der Zusammenbruch des Kommunismus begann mit Lenin in Gdansk
Der Zusammenbruch des Kommunismus begann mit Lenin in Gdansk
Der Zusammenbruch des Kommunismus begann mit Lenin in Gdansk
Der Zusammenbruch des Kommunismus begann mit Lenin in Gdansk

Heute ist Lothar aus Rostock gekommen – eigentlich mit dem Ziel, mich auf dem 24- bis 36-stündigen Törn nach Klaipeda zu begleiten und zu unterstützen. Aber da er zugleich der Überbringer meiner neuen Kamera ist, die aber erst am Samstag bei ihm ankam, wird das mit Klaipeda wohl nichts, denn der Weg zurück liegt nicht mehr in seinem Zeitplan.


Wir machen eine Stadtbegehung mittels eines Audio-Guide, den man dort bei der Touristen-Information bekommen kann. Und der führt uns auch auf die ehemalige Leninwerft, die heute aufgegeben worden ist und zu einem neuen Stadtteil Gdansk werden soll, weil sie auch eigentlich mitten in der Stadt liegt. Tja – und die Leninwerft und die Solidarnosc-Bewegung liessen dann noch einmal die ganze damalige Geschichte vor unseren Augen entstehen. Und hier wurde mir – ich hatte diese Zusammenhänge längst vergessen, noch einmal klar, dass die Wiedervereinigung hier in der Leninwerft in Gdansk möglich gemacht wurde.


Abends dann beim Essen erzählt Lothar:


1980 war er als ehemaliger DDR-Bürger zufällig gerade in Gdansk, als die Solidarnosc gegründet wurde. Anlass waren die Erhöhung der Lebensmittelpreise, die im ganzen Land zu Streiks führten und in Gdansk selbst die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz, die eine der Symbolfiguren des Aufstandes von 1970 war, als ebenfalls wegen Lebensmittelpreiserhöhungen in der Werft gestreikt wurde und eine bis heute nicht geklärte, aber mindestens 40 Arbeiter zählende Menge von der Armee erschossen worden war.


Sehr schnell wurde ein überbetriebliches Komitee gegründet, dass die Aktionen der Arbeiter in ganz Polen koordinieren sollte und es wurden die berühmten 21 Forderungen aufgestellt, in denen u.a. die Pressefreiheit, ein Denbkmal an die vor 10 Jahren erschossenen Arbeiter, freie Samstage u.u.u. gefordert wurden und darüber in Verhandlungen mit der kommunistischen Regierung eingetreten wurde.


Das Regime wankte.


Zwei wichtige Hintergründe müssen hier dafür genannt werden.


1975 fand vor allem auf betreiben der UdSSR in Helsinki die KSZE-Konferenz statt, wo es das Ziel der Sowjetunion war, die sie ökonomisch in den Ruin treibende Rüstungsspirale zu begrenzen. Und sie haben dafür einen hohen Preis zahlen müssen: auf ihr betreiben hin wurde in allen Ländern und Zeitungen die Erklärung abgedruckt, in der unter anderem mit Zustimmung des kommunistischen Blockes freie Wahlen, freie Presse und freie Grenzen von allen hier beteiligten Ländern beschlossen wurden.

5 Jahre später sollte sich die Solidarnosc darauf berufen.


Und als Hintergrund für diese Entwicklung ist wichtig, dass 1978 Polen mit Johannes Paul dem II seinen (polnischen) Papst bekam und dieser als erstes Polen besuchte, die Leninwerft aufsuchte und für die Polen unermesslich wichtig war. In ihrer Begeisterung für ihren Papst erlebte sich das polnische Volk neu, sah, das Hunderttausende, ja Millionen wegen der gleichen Sachen auf der Straße waren, sah die Kraft, die sich hier in den Menschen zeigte und fassten wieder Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dies ist wohl mit entscheidend für die spätere Solidarnosc-Bewegung gewesen, die in ihrer besten Zeit 10 Millionen Mitglieder hatte – ein Drittel der kommunistischen Parteigenossen waren gleichzeitig Mitglieder der Solidarnosc.


Zurück zu 1980 und der Solidarnosc-Bewegung.

 

Das Regime musste in Verhandlungen mit der Gewerkschaftsbewegung treten, das heisst faktisch die Anerkennung der Macht der Solidarnosc-Bewegung.


Das Regime wankte.


Dann wird 1981 die Notbremse gezogen. 1981 wird das Kriegsrecht ausgerufen, Generalstabschef Wojciech Jaruzelski übernimmt die Macht, die gegründeten freien Gewerkschaft Solidarnosc, die inzwischen 10 Millionen Mitglieder hat, wird verboten, es herrscht Ausgangssperre, Telefon und Post werden nur eingeschränkt zugelassen, die Grenzen sind dicht – und Lothar, der damals in der DDR als Bausoldat eingezogen war, bekommt Ausgangssperre.


1982 stirbt in Russland Breschniew – und da im ZK noch nicht klar ist, wie es weiter gehen soll, werden dort zwei alte Daddys als Übergangslösung gewählt, die beide schon so alt sind, dass sie jeweils ich glaube 2 Jahre oder so im Amt waren.


1986 bekommt der 1980 gewählte Vorsitzende der Solidarnosc Lech Walensa den Friedensnobelpreis.


Dann kommt Gorbaschow in Russland an die Macht. In Polen wird das Kriegsrecht aufgehoben, Lothars polnische Freunde arbeiten in der verbotenen Solidarnosc-Bewegung im Untergrund, die Bewegung zeigt sich immer öffentlicher und setzt jetzt die Runden Tische durch: Und mit der Akzeptanz der Runden Tische 1988 hat das kommunistische Regime in Polen im Grunde genommen sich selbst schon aufgelöst: Es kommt zu halb freien Wahlen, die Solidarnosc sitzt mit in der Regierung, in der DDR kommt es zu den Kerzendemonstrationen, in Polen sind die Grenzen offen, in Ungarn gehen die Grenzen auf, in den Botschaften in Warschau und Prag sammeln sich DDR-Bürger und ein Jahr später gibt es die DDR nicht mehr.


Und hier auf diesem Gelände, auf dem wir jetzt stehen, ist das alles in Bewegung gekommen.


Es wurde ein langer Abend mit Lothar, der an all diesem durch Freunde sehr hautnahen Kontakt hatte und ja selbst in der DDR dann ein Teil dieser Bewegung war. Danke dir für die Wertschätzung dieses Zusammenhangs, der mir völlig aus dem Kopf verschwunden war.

Törnbericht: von Wladyslawowo nach Gdansk

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Published on Juni 22nd, 2011 @ 10:35:59 , using 372 Wörter,
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Törnbericht: von Wladyslawowo nach Gdansk

 

Ein grieseliger, grauer Tag blickte mich morgens um 06:00 Uhr an und fing auch sofort an zu nieseln.

Über der Stadt hatten sich dunkelgraue Wolkenberge versammelt und ich legte schon mal mein Ölzeug bereit.

Eine Tasse Tee, mehr gönnte ich mir nicht, denn der Weg nach Gdansk ist lang.

SW 5, später 3-4. Mein Kurs ging SE, so dass dies am Anfang ein wunderbarer halber Wind werden würde.

War aber nicht, denn er ging recht schnell auf W und ich musste wieder versuchen, Groß und Fock so zu balancieren, dass das Groß nicht die Fock abdeckt. Na, aber trotzdem schönes segeln mit 5 – 6 kn.

Und dann war plötzlich die Sonne da, allerdings im Osten, und da war sie von den Segeln abgedeckt und ich musste trotzdem in meiner Feuerwehrjacke im Cockpit sitzen.

Um 09:45 hatte ich Kuznica querab und der Wind fing langsam an, weniger zu werden und weiter rechts zu drehen.

Zwischenzeitlich kam er von Ost und wurde so schwach, dass ich eigentlich nur trieb.

Aber immer wieder wurde ich in meiner Beharrlichkeit zu segeln belohnt. Immer kam der Wind wieder, aber immer mehr von Nord.

Um 11:30 habe ich Jastannia querab, um 12:30 kommt der Wind schwach aus Ost, also gegenan und bei dem wenigen Wind keine Chance zu kreuzen. Zwei Stunden unter Motor und um 14:30 war ich am Kap Hel und konnte nun hoch am Wind mit 5 – 6 kn direkt auf Danzig anlegen und das wurde ein herrliches Segeln.

Hoch am Wind segelt sich MISS SOPHIE selbst und ich experimentierte ein bischen mit meiner kleinen Action-Kamera.

Um 18:00 stand ich am Eingang des Seekanals nach Danzig und um 19:30 war ich fest in der Marina direkt gegenüber dem berühmten Krantor im letzten freien Platz. Der Weg dorthin ist lang, ungefähr 6 sm und führt durch atemberaubende Industrieanlagen, an deren Kais riesige Seeschiffe liegen.

Nach 12 Stunden an der Pinne und 40 Seemeilen habe ich einfach nur noch Hunger. Ich schaffe es noch nicht einmal mehr in den "Sejman", dem international maritim club gegenüber, der interessant aussieht und in einem uralten, halbverfallenen Backsteingebäude untergebracht ist und meines Wissens nach ehrenamtlich von Mitgliedern betreut wird.

Na, morgen ist ja auch noch ein Tag.

Das Bild ist nicht von mir, ich habe z.Z. keinen Fotoapparat  - es wird die Tage ersetzt durch eigene.

Wind, Wind, Wind

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Published on Juni 21st, 2011 @ 13:07:19 , using 66 Wörter,
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Wind, Wind, Wind

Die Seewetterberichte ähneln sich wie die polnische Küste:

für den 17.06.: E - SE 3-4, später dann SW 6, schwere Schauer- und Gewitterböen

für den 18.06.: SW 5,  schwere Schauerböen, Wellen 1 - 2 Meter

für den 19. 06.:  SE 4 - 5, später SW 6, schwere Schauerböen

für den 20. 06.:  5 - 6, schwere Schauer- und Gewitterböen, Wellen 2 Meter

Und die Böen pfiffen dann auch durch den Hafen.

Mein Fotoapparat ist kaputt. Aber der Fisch hier in Polen ist einmalig.

 

viel Wind in Wladyslawowo

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Published on Juni 17th, 2011 @ 20:42:58 , using 99 Wörter,
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viel Wind in Wladyslawowo

Hier ist zur Zeit viel Wind und den kann ich nicht aus dieser Richtung gebrauchen, denn ich muss ganz nah der Küste langs (200 m) an dem militärischen Sperrgebiet vorbei.

 

Wladyslawowo ist wie alle anderen Küstenorte auch, ein polnisches Touristenzentrum. Hier mit riesigen Gebieten von Buden, in denen alles mögliche verkauft wird. Klar. Der wunderschöne Sandstrand direkt vor den Häusern ist ja auch attraktiv. Und hier unmengen neuer, auch architaktonisch recht passable Appartement-Häuser und Hotelanlagen.

Ich bastel an einigen Dingen und lese mal wieder in meiner Bibel: Camille Paglia: Masken der Sexualität. Jeder Satz von ihr könnte Bücher füllen.


Wladyslawowo und der Fisch

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Published on Juni 15th, 2011 @ 16:37:03 , using 193 Wörter,
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Wladyslawowo und der Fisch
Wladyslawowo und der Fisch

 



 

Wladyslawowo ist der größte polnische Fischereihafen. Entsprechend laut ist es hier, weil der kleine Yachtsteg mitten im Fischereihafen liegt und 100 Meter gegenüber die Eisfabrik steht, bei der die Fischdampfer Tag und Nacht sich mit Eis versorgen und die entsprechenden Maschienen Tag und Nacht laufen.


Aber egal, fest ist fest und jetzt musste erstmal was gekocht werden.


Und ich bin jetzt einen Tagestörn von Danzig entfernt.


Dann kommt abends Piet noch mal vorbei, sie würden vermutlich morgen früh mit der neben ihnen liegenden polnischen Yacht 2 Meilen von der Küste entfernt durch das militärische Sperrgebiet segeln und nach Danzig laufen. Mir ist das zu viel, zumal für Morgen schon wieder W 5 angesagt ist und werde bleiben.

Wir schnacken noch ein bischen und als ich das Thema auf Fisch bringe, den man hier in diesem Hafen merkwürdigerweise nur ganz schlecht bekommt, berichtet er, das er ein Fischkochbuch geschrieben hat und als ich mich als Fischliebhaber oute, bekomme ich ein Exemplar geschenkt: J. Hänke, Mein Tonndorfer Fischkochbuch, mit kleinen Geschichten seines Heimatortes Tonndorf und wie mir scheint, einzigartigen Fischgerichten. Ich werde berichten, wenn mir eines gelungen ist. Im Herbst bekommt er dafür dann mein Tagebuch.

Törnbericht: Kursänderung - nach Wladyslawowo

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Published on Juni 15th, 2011 @ 16:32:41 , using 242 Wörter,
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Törnbericht: Kursänderung - nach Wladyslawowo
Törnbericht: Kursänderung - nach Wladyslawowo

 

 

Um 14:30 legte dann der Wind noch mal kräftig zu und war bald auf gefühlte 7 Windstärken angewachsen und es baute sich hinter mir die entsprechende See auf.

Das war wunderbares Segeln, was den Adrenalinspiegel auch wieder in Schwung brachte und meine Müdigkeit verflog auf der Stelle.

Trotz meiner Geschwindigkeit zwischen 6 und 7 kn wollte das Kap aber nicht näher kommen.

Dann musste ich mir immer wieder klar machen, dass die Strecke bis Wladyslawowo 33 Seemeilen sind.


Dann konnte ich endlich den langen weit nach südost vorspringenden gewaltigen Wellenbrecher der Hafeneinfahrt von Wladyslawowo sehen und es waren nur noch 2,5 Seemeilen, eine knappe halbe Stunde und ich überlegte mir, wie ich meine Fock bergen könne, denn die Seen liessen MISS SOPHIE lebhafte Bewegungen machen.


Ich entschied mich zu einem, wie ich zu dem Zeitpunkt fand, etwas gewagten Manöver, weil ich mir die Größenverhältnisse nicht so recht vorstellen konnte. Ich wollt unter Segel in den Schutz des Wellenbrechers gehen, dort aufschießen und beidrehen und im Schutz des Wellenbrechers bei entrsprechend ruhiger See mein Vorsegel bergen.

Das war aber eine Stelle direkt in der Einsteuerung des Hafens und ich musste scharf aufpassen, dass in dem Moment nicht gerade ein Fischdampfer den Hafen verlassen würde.


Gedacht, getan und alles lief blendend. Zwar schoß MISS SOPHIE mit der backstehenden Fock noch mal bedenklich nahe einer Wende zu, pendelte dann aber zurück und ich konnte nach vorne und die Fock runternehmen.


16:30, nach 9 Stunden an der Pinne, im Wladyslawowo fest.

 

Törnbericht: on the way again - von Leba nach Hel

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Published on Juni 15th, 2011 @ 16:26:00 , using 528 Wörter,
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Törnbericht: on the way again - von Leba nach Hel

 

06_14 on the way again - Leba bis Hel


Wieder klingelte der Wecker um 6 Uhr, diesmal aber mit Waschen und Frühstücken, so dass ich dann um 07:30 auf Fahrt ging zusammen mit der „Piet“ und der „Jentamie“.

Geplant war der Törn nach Hel, unten an der Südküste der langgezogenen sehr schmalen Halbinsel, die teilweise nur ein paar hundert Meter breit ist und nach Süden hin die Putziger Wiek bildet, ein Törn von ca. 55 Seemeilen. Also ein langer Törn, der nur bei guten Windbedingungen machbar ist und auch dann nicht unter 10 Stunden zu machen wäre. Und die schienen wir zu haben, mit der Vorhersage von W 4-5 mit einzelnen Schauerböen.


Mit dem Kartenkurs 75 Grad hatten wir den Wind platt von hinten und wir versuchten Schmetterling, das Groß nach Steuerbord und die Fock nach Backbord.

Aber die Fock fiel immer wieder ein und ich entschloss mich, meinen Kurs so zu ändern, dass ich auf Steuerbordbug kam und müsste dafür dann später, wenn ich auf den neuen Kurs 125 Grad beim Kap Rixhöft gehen würde, einen etwas längeren Schlag zum Festland hin machen – hätte damit aber bessere Segelbedingungen.


Alles lief gut, ich machte 4-5 kn, konnte aber Admiral von Schneider nicht einsetzen, weil bei einem direkt von hinten kommenden Wind die Anlage nicht schnell genug reagiert und sowieso sehr aufmerksames Steuern notwendig wurde, weil der Wind langsam auf 5 zuging.


Dann nahm meine Geschwingigkeit zu und ich lief zwischen 6,5 und 7,8 kn und da merkte ich, dass der Wind noch einmal um eine Winddstärke zugelegt hatte und jetzt bei 6 war.


So um 11:00 herum wurde mir die Gefahr einer unfreiwilligen Halse, entweder durch Versteuern oder durch eine ungewöhnlich hohe See, die sich inzwiwschen aufgebaut hatte, ausgelöst, zu groß und ich drehte bei und nahm das Großsegel runter. Bei der Windstärke war die Gefahr, dass etwas bei einer Halse zu Bruch gehen könnte zu groß.


Um 12:00 flaute der Wind ab und ich lief nur noch zwischen 3,5 und 4,5 kn – zu wenig, um noch nach Hel zu kommen.


Das Wetter war gut, die Stimmung war gut, ich konnte zwar die Pinne nicht verlassen, aber ich hatte mich wieder eingewiegt in den spezifischen Rhythmus der MISS SOPHIE, die Küstenlandschaft war langweilig, wie an der gesamten polnischen Westküste und immer wenn ich müde wurde, fing ich, mir zu überlegen, was ich jetzt wohl filmen könnte.

Das brachte dann meinen Kreislauf und meinen etwas dösigen Kopf wieder in Schwung und die neuen oberhalb des Kartentisches angebrachten Taschen ermöglichen mir es, meine Kamera zu greifen, ohne die Pinne verlassen zu müssen.


Auf dem Niedergangsbrett sitzend, kann ich ebenfalls Karte gucken, den UKW-Funk bedienen oder den aktuellen Wetterbericht hören, ohne die Pinne aus der Hand zu geben, weil sie so lang ist, dass sie auch aus dieser Stellung noch zu händeln ist.

 

Wir hatten Funkkontakt miteinander verabredet, wenn das Kap Rixhöft (Rozewie) querab sein würde und ich hatte mir ausgerechnet, dass die beiden anderen Schiffe um 13.30 dort vermutlich stehen würden. Zwischenzeitlich hatte ich mich entschieden, nach Wladyslawowo zu gehen, was nach dem Kap nur noch ca. 4 Seemeilen sein würden. Die „Piet“ antwortete auch sofort und sagte, dass sie das gleiche machen würden und wir verabschiedeten uns, wir würden uns dann im Hafen wieder begegnen.

Törnbericht: Von Darwolo nach Leba, 3. teil

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Published on Juni 13th, 2011 @ 21:39:27 , using 169 Wörter,
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Törnbericht: Von Darwolo nach Leba, 3. teil

 

Um 18:30 war ich dann in der verdammt engen Hafeneinfahrt von Leba, 40 Meter breit, in der ich nicht einem auslaufenden Fischkutter begegnen möchte und die seitlich einfallenden Wellen waren ebenfalls nicht ganz ohne.


Im Yachthafen winkte mir schon Christoph von der „Sarah“ zu, und zeigte mir schon meinen Liegeplatz und dann war ich um 19:00 in Leba fest, nach 12 Stunden an der Pinne.


Dann haben wir noch lange auf der „Jentamie“ gesessen, diverse Schnäpse und andere Alkoholika wurden getestet und irgendwann kurz vor Mitternacht begann ich mein Logbuch zu schreiben, das aber entsprechend kurz wurde.


Am nächsten Tag, dem Montag, sind dann Jutta und Peter von der „Jentamie“(norwegisch: Mein Mädchen) und die Mannschaft der „Piet“ aus Hamburg und ich auf dem Weg zur größten polnischen Wanderdüne gewesen.


Danach habe ich ein paar Dinge geändert, die während der Schaukelei geklappert hatten und mich nach einem kleinen Dösen an mein Tagebuch gesetzt.


Morgen nun soll es nach dem derzeitigen Stand nach Wladyslawowo gehen, der möglicherweise letzte Hafen vor Danzig.

Schaun mer mal.

Törnbericht: 55 Seemeilen an der polnischen Dünenküste lang - und was das mit dem Bauch der Mutter zu tun hat - von  Darwolo nach Leba, 2. Teil
Törnbericht: 55 Seemeilen an der polnischen Dünenküste lang - und was das mit dem Bauch der Mutter zu tun hat - von  Darwolo nach Leba, 2. Teil

Um 07:30 war ich auf Kurs 30 Grad über Grund, NW gute 4, Groß und Fock und MISS SOPHIE lief zwischen 5 und 6 Knoten.


Um 09:00 Uhr hatte ich das Leuchtfeuer Jaroslowiec querab, das den Beginn des militärischen Sperrgebietes bezeichnet, das aber heute (Sonntag) zur Durchfahrt freigegeben ist.


Ich änderte meinen kurs auf 65 Grad und jetzt begann die lange Zeit an der Pinne, denn für dieses Törn würde ich zwischen 11 und 14 Stunden brauchen.


Um 11:00 wurde ich etwas schläfrig.


Ich war etwas ungnädig über diesen langen Törn, der mich so lange an die Pinne zwingen würde. Und das war verbunden mit einem Gefühl von mich Scheiße zu finden, mich nicht geliebt zu finden, vom Wetter, vom Wind, von den geografischen Gegebenheiten und und und.


Ich begann darüber nachzudenken.


Ich machte das ganze ja freiwillig und ich erwartete eigentlich von mir, dass ich das mit der entsprechenden Freude machen würde. Aber auch freiwillig übernommene Arbeiten sind ja nicht immer lustig und schön. Trotzdem war ich unzufrieden mit mir, denn ich wusste, dass Segeln mein Traum war und jetzt segelte ich und der Traum war nicht da.


Damit wollte ich mich nicht zufrieden geben.


Und während ich so über mich nachdachte, merkte ich plötzlich, wie das Steuern meines Schiffes völlig unbewusst ablief.


Der jetzt achterlich aufkommende Wind und die von achterlich auflaufenden Wellen, die ein bis eineinhalb Meter hatten, hoben hinten mein Schiff an, weil sie dort früher auf mein Schiff stießen als vorne, hoben es an, schoben es nach vorne, beschleunigten es also, so das der Bug, der noch langsamer war, weil ihn die Welle noch nicht erreicht hatte, nach Luv gedrückt wurde und ich merkte, dass ich der MISS SOPHIE das überlassen konnte, wie sie am besten mit diesen Wellen umgeht. Sie schmiegte sich an, legte sich nach Lee über und kletterte mit dem Bug über die Welle und ich brauchte dann auf dem Kamm der Welle ihr nur mit zwei Finger an der Pinne zu sagen, dass sie jetzt wieder auf den alten Kurs gehen solle, was sie sofort ganz freiwillig und willig tat.


Und ich merkte, dass ich mit meiner Aufmerksamkeit garnicht mehr hier auf See war, sondern bei mir und das Steuern meines Schiffes längst meinem Unterbewusstsein überlassen hatte.


Und plötzlich begann ich mich zu freuen.


Darüber, dass ich mich so über diesen langen Törn geärgert hatte, dass ich dann darüber anfing, darüber nachzudenken, warum ich mich darüber so ärgerte und plötzlich dieselbe Situation von der ganz anderen Seite ansah und mich zu freuen begann, wie schön es doch ist, so innig verbunden mit einem Schiff und einer Situation zu sein, dass man darüber garnicht mehr nachdenken muss und es ganz selbstverständlich ist, so, als könne es garnicht anders sein.


Und ich begann weiter nachzudenken.

Dieses achterliche Angehoben werden, das sich auf die Leeseite Legen des Schiffes, das kleine Anluven zum Wind hin und die darauf folgende kleine Kurskorrektur, die so willig vom Schiff ausgeführt wurde, dass sie mit einem Finger machbar war – an was erinnerte mich das?

Was war daran für mich so schön und so vertraut, dass es so automatisch ablief?


Ich glaube es ist die uralte Erinnerung an den Bauch meiner Mutter, in der ja ähnliche Bewegungsabläufe für mich abliefen.

Bei dem einen Schritt von ihr mit dem linken Fuss wurde ich nach Lee geworfen, bei dem darauf folgenden Schritt mit dem rechten Fuss, nach Luv.

Und jedes Kind muss diesen ganz spezifischen Gang seiner Mutter und die damit verbundenen Bewegungsabläufe sich aneignen und als seine ganz spezifische Eigenart erleben, mit der vermutlich auch sein Rhythmusgefühl entscheidend geprägt wird.


Ich glaube, dass diese Erinnerung an den Zustand des Paradieses, und was anderes ist ja das Leben im Bauch der Mutter in der Regel nicht, im Bauch meiner Mutter mich dazu hier brachte, einfach etwas zu tun, von dem ich das Gefühl hatte, es mein Leben lang getan zu haben.


Mit diesen Gedanken und Erinnerungen und Gefühlen gingen die Stunden so vor sich hin.


Der Wind war gleichmäßig, die See wurde langsam weniger und ich begann, Admiral von Schneider auf seine Aufgabe vorzubereiten.


Dann ging ich unter Deck, ein längerer Gang zum WC stand an, ich hatte noch ein bischen in der Karte geguckt und noch mal im Handbuch die Hafeneinfahrt gelesen und dann ging ich erfrischt nach oben, habe ein paar Filmaufnahmen gemacht und dann wieder an die Pinne, denn optimal steuert mein Admiral von Schneider mein Schiff nicht. Es fiel auf 4,5 Knoten zurück und das war mir zu wenig, also ging ich wieder an die Pinne und brachte es auf 5,5 – 6 Knoten.


Um 13:00 habe ich das Festfeuer Rowy querab und der Wind kam nun von West und wurde weniger.

Und das gleiche Spiel von vorhin begann: ich ärgerte mich darüber, wie mir der Wind dies antun kann und das gleiche Spiel begann von vorn – nur diesdmal mit einem anderen Ausgang.


Komm Streese, du bist müde, zugegeben, also tu was, das du wieder in die Gänge kommst. Was war zu tun?

Großsegel runter, Fock weg und austauschen gegen die Genua und dich dann von dem Platt vor dem Laken kommenden Wind ziehen zu lassen.


Nun ist das nicht mal eben getan.


Beidrehen, Groß runter, Fock runter.

Jetzt begann das Schiff natürlich zu rollen: es lag quer zur See, und die Wellen ließen es von Backbord nach Steuerbord überholen, immer und immer wieder, dabei sich an Deck zu bewegen ist schwierig und gefährlich, denn man ist schnell außenbords.


Eine halbe Stunde dauerte das Manöver, dann war ich wieder auf Kurs und ich musste die geigende MISS SOPHIE sehr aufmerksam die nächsten drei Stunden steuern, denn wenn immer sie sich nach Lee überlegte, fiel der Wind von der falschen Seite ins Segel, aber ich fuhr wieder 4-5 Knoten.

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